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Wednesday, 31 December 2014

Wiedervereinigung anders…

von Dagmar Henn, Saker Deutsch, 17. Dezember 2014

Es zeugt vom Erfolg der großdeutschen Propaganda, dass die gesamte Entwicklung in der Südostukraine noch nie als das gesehen wurde, was sie auch sein könnte – die Wiedervereinigung einer künstlich geteilten Nation.
Das zumindest soll es ja gewesen sein, was am 3.Oktober 1990 in Deutschland geschehen ist.
Und jetzt die Rätselfrage: wie kann es sein, dass uns Deutschen ein unbändiger Wiedervereinigungswille unterstellt wird, auch wenn die Staatlichkeit, die da wiedervereinigt werden sollte, vierzig Jahre zurücklag und davor, mit ungeheuren Nebenwirkungen für den Restplaneten, ganze 74 Jahre gedauert hatte (denn vor 1871 gab es bekanntlich ganz viele deutsche Staaten, aber keinesfalls einen), aber niemand auf den Gedanken kommt, Einwohnern der ehemaligen Sowjetunion, die etwa so lange bestand wie das deutsche Reich vor 1945, hätten 23 Jahre nach ihrer – gegen den Wunsch der Bevölkerung – durchgeführten Teilung schlicht den Wunsch nach Wiedervereinigung?

Weil eine Betrachtung aus diesem Blickwinkel jedes Herumgepöbele bezüglich der Krim etc. unmöglich macht. Wie könnte man den Wunsch nach Wiedervereinigung verwehren?

Oder, warum soll es edler und vertretbarer sein, die Reste eines deutschen Reiches zusammenzufügen, das bekanntermaßen zwei Weltkriege begonnen hat und bei dem die Mauer offenbar die Funktion des Pflocks in Draculas Herz erfüllte – kaum war sie weg, erwachte das Ungeheuer zu neuem Leben – als die Reste der Sowjetunion?

Nein, dass es diese Perspektive nicht gibt, hat einen so einfachen wie unangenehmen Grund – weil der gesamte Begriff Nation in Deutschland nach wie vor völkisch ist. Nur auf einer Grundlage von Abstammung gedacht wird. Deshalb wird der ukrainische Faschismus geschluckt und nicht wieder ausgespien, und deshalb kommt rein gar niemand auf den Gedanken, das Muster der Wiedervereinigung auf die Krim oder gar den Donbass anzuwenden.

Schließlich wurde ja mit der deutschen Wiedervereinigung gleichzeitig die westlich-antikommunistische Lesart der Sowjetunion, wie sagten sie das so hübsch, als “Völkergefängnis” übernommen. Weil dort ja all diese blutsmäßig gar nicht volkenden Menschen in eine Nation gezwungen worden wären. Die sich nach der Niederlage ihres Staates gefälligst sortenrein auseinandersortieren wollen sollen.

In Bayern gilt übrigens “Saupreiß” immer noch als Schimpfwort. Soviel zur Freiwilligkeit der deutschen Einheit 1871.



Die völkische Nummer ist übrigens selbst in Deutschland noch jünger. Erst im Jahr 1913, also im Vorfeld des ersten Weltkriegs, wurde ein Staatsangehörigkeitsgesetz verabschiedet, das sich auf das Reich, nicht die Länder bezog und die Vorstellung eines “deutschen Blutes” ins Recht einführte (das wiederum bis 1975 in der BRD nur durch Spermien übertragen wurde, weil bis dahin nur die Kinder deutscher Väter mit ausländischen Müttern Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, aber nicht die Kinder deutscher Mütter mit ausländischen Vätern). Dieses “deutsche Blut” war dann die folgenden Jahrzehnte der fest installierte Kriegsgrund mit den Nachbarländern.

Also, mal abgesehen von diesem spezifisch deutschen Knick in der Pupille – was sollte an einem entsprechenden Wunsch seitens der Bevölkerung der Krim und des Donbass und welcher ehemaligen Sowjetrepublik auch immer zu kritisieren sein, wenn ein Wunsch zur deutschen Wiedervereinigung nicht zwangsläufig mit großdeutschen Anwandlungen (die sicher die herrschende Klasse West mit ins Spiel brachte, die breite Masse Ost eher nicht) gleichgesetzt wird. Oder anders herum, ja, tatsächlich, wenn das, was auf der Krim geschah, etwas grundsätzlich Anderes ist als eine Wiedervereinigung, dann sollte man dem Vorschlag der FAZ folgen und “die DDR an Russland zurückgeben”. Dann war das andere nämlich auch keine, folglich völkerrechtswidrig und damit dringend aufzuheben.

Wobei ich grundsätzlich dafür wäre, vorausgesetzt, Frau Merkel und ich befinden sich danach auf unterschiedlichen Seiten der wiederzuerrichtenden Mauer.

Aber zurück zum Ausgangsthema. Eigenartigerweise werden die USA nie als Nation in Frage gestellt bei uns. Obwohl ihr Staatsangehörigkeitsrecht nicht völkisch ist. Und das hat nicht einmal was damit zu tun, dass das die tollen USA sind – auch die brasilianische Nation wird nicht in Frage gestellt.

Warum ist also ein ähnlicher Bezug zur Sowjetunion so undenkbar, dass er nicht einmal als gedanklicher Ansatz auftaucht, in all den Monaten nicht, und nie, nirgends, das Stichwort Wiedervereinigung zu lesen war?

Wahrscheinlich, weil die reale Geschichte der deutschen “Wiedervereinigung” tatsächlich die Geschichte einer Annektion ist, weil – im Gegensatz zur Krim – die DDR tatsächlich behandelt wurde wie ein besetztes Land, bis hin zur Besetzung der Verwaltung, und daher dieses Wort nur in weihrauchgeschwängerter Luft gebraucht werden darf und danach gleich wieder in die Vitrine muss, um nicht Schaden durch zu viel Sauerstoff zu nehmen… und tatsächlich das nationale Pathos, mit dem dieser Akt der Gewalt alljährlich verkleistert wird, genau den selben Charakter hat wie das ukro-völkische Herummythologisieren, das schließlich auch dazu dient, einen Akt der Gewalt, das Ende der Sowjetunion, pathetisch zuzukleistern und in eine imaginierte Befreiung zu verkehren.

Und natürlich, weil in Deutschland schon der republikanische Begriff der Nationalität überfordert, der sich schlicht auf die Menschen bezieht, die innerhalb der Grenzen einer Nation leben (man erinnere sich an Roland Koch und die Kampagne gegen doppelte Staatsbürgerschaft, die Unmengen rassistischen Bodensatz aufwirbelte), wie sollte man dann mit so etwas wie einer sowjetischen Nation umgehen? Oder gar mit deren, wie ließe sich das ausdrücken, historischem Schatten?

Ja, ich denke, ich nehme mal diesen Begriff. Er sitzt so gut, und die Abnäher sind genau auf der richtigen Höhe. Und macht überhaupt nichts, wenn er ein wenig kneift.

Ich bin ja bescheiden und verzichte auf den ganzen “ewig, unteilbar”-Schmonzes. Aber es klingt irgendwie hübsch, es einfach zu sagen: alle Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen Sowjetunion haben mindestens das gleiche Recht, sich mit anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion wiedervereinen zu wollen, wie dies die Deutschen mit ihren anderen Teilen hatten (selbst wenn es für die Welt besser gewesen wären, wenn…). Sie haben dieses Recht nicht nur in Gestalt der Ausreise, sondern auch unter Mitnahme des Territoriums.

(Ich sehe schon, wie Frau Merkel anfängt, die Monate zu zählen, und zwischen ehemaligen Sowjetrepubliken differenzieren will, bis ihr jemand “Saarland” ins Ohr flüstert, und “Ruhrgebiet”, und sie verschreckt die Büroklammern fallen lässt, die ihr als Monate dienen… weil es doch nicht sein kann, dass die Sowjetunion länger bestand als das deutsche Reich vor 1945, wo kämen wir da hin, und sie selbst vor allem, wo sie doch nie wieder jemand haben wollte als Sekretärin für Agitation und Propaganda)

Die Krim wurde nicht annektiert. Es handelt sich auch um keine Sezession. Die Krim hat sich mit einem anderen Teil der ehemaligen Sowjetunion wiedervereinigt. So, wie dies womöglich noch andere Teile tun werden.

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