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Tuesday, 3 February 2015

Gehört er nun oder gehört er nicht, der Islam zu Deutschland?

von Anis Hamadeh, 22.01.2015 
 
Der Islamwissenschaftler Anis Hamadeh ist Autor von
"Islam verstehen. Ein praktisches Handbuch" und von "Die Dichter. 14 gereimte Geschichten am Kalifenhof in Bagdad vor 1000 Jahren" (CD mit Textheft). Derzeit entsteht die Krimi-Serie "Calamus" mit einem muslimischen Detektiv im Kairo des 14. Jahrhunderts (Die erste Folge steht dreisprachig online).

Auf den ersten Blick ist die Frage leicht zu beantworten: Von etwa 81 Millionen Einwohnern Deutschlands sind ungefähr vier Millionen Muslime. Also ja, der Islam gehört als fünfprozentige, türkisch-arabisch geprägte Minderheit zu Deutschland. Es gibt hier Moscheen, muslimische Vereine und Veranstaltungen. Es gibt islamischen Religionsunterricht an einigen Schulen, man kann problemlos halal essen, also islamisch korrektes Fleisch, ein Konto bei einer islamischen Bank einrichten und von, sagen wir: Wuppertal aus seine Pilgerfahrt nach Mekka organisieren.
 Nun entzündet sich die Debatte nicht an diesen offensichtlichen Fakten. Es geht um etwas anderes. Mancher sieht offenbar die christlich-europäische1 Identität und Tradition in Frage gestellt, wenn sich ein islamischer Anteil darin befindet. Diesen Leuten ist zu sagen: Sorry, folks! Die europäische und die deutsche Kulturgeschichte ist so durchsetzt mit islamischen Elementen, dass wir sie nicht aus dem System bekommen! 
Die Scholastik
Die christlich-europäische Schriftkultur bildete sich im Mittelalter aus, intellektuell getragen hauptsächlich von Mönchen und Geistlichen, die mit Aristoteles und der scholastischen Methode eine neue Form allgemeiner Argumentation und Beweisführung schufen. Die mittelalterliche Scholastik ist allerdings ohne den Islam undenkbar, der eine ganz ähnliche Entwicklung absolvierte wie das europäische Christentum, nur früher. Da die arabische Schrift und Grammatik bereits vor dem Jahr 800 festgelegt waren - zu einer Zeit, als Karl der Große mühsam das Alphabet erlernte und exquisite Geschenke des hoch gebildeten Kalifen Harun al-Raschid aus Bagdad erhielt -, konnten die Araber für einige Jahrhunderte die Fackel der mediterranen Zivilisation tragen und Pionierleistungen in allen bekannten Wissenschaften erbringen, zum Beispiel in der Mathematik oder in der Geschichtswissenschaft. Die ursprüngliche Motivation dabei war islamisch: Es ging darum, den Koran zu verstehen.
Religiöse Debatten wie die über Gottes Schöpfung, über Vorherbestimmung und Existenz wurden auf Arabisch geführt und aufgeschrieben. Da sich Koran und Bibel weitgehend überschneiden, interessierten sich auch Christen für islamische Themen, sei es in Damaskus oder Córdoba. Und so signifikant die ideologischen Unterschiede zwischen dem christlichen Westen und dem islamischen Osten auch waren - man denke an die muslimische Eroberung Spaniens und Teilen Frankreichs sowie an die Kreuzzüge, die mit einem christlich-terroristischen Gemetzel in Jerusalem ihren Anfang nahmen -, der geistige Austausch, vor allem die Absorbtion von Islamischem, war enorm. Die umfangreichen Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische trugen dazu erheblich bei, denn viele griechische Originale waren verschollen. Als Kaiser Friedrich II. im Jahr 1250 starb, hatten die Lateiner ihren Aristoteles übersetzt und sich unterwegs stark von arabisch-muslimischen Philosophen beeinflussen lassen, wie Kindi, Farabi, Ibn Sina (Avicenna), Ghazali und Ibn Rushd (Averroës).
Dem Staufer-Kaiser war der Islam nicht fremd, er musste sich nicht gegen ihn abgrenzen. Er schloss Verträge mit Muslimen, tauschte sich aus und hatte Muslime an seinem Hof. Das war für ihn normal. Auch andere deutsche Kreuzritter brachten neue Ideen aus muslimischen Landen zurück. Durch die scholastische Methode, das geteilte Interesse an Aristoteles und den griechischen Wissenschaften und durch einzelne Herrscher und Gelehrte gehörte der Islam auch zu Deutschland. 
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