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Saturday, 7 February 2015

Hunderttausende Kinder leiden nach dem Krieg in Gaza an einer Kriegsneurose

von, The Telegraph, 28/1/2015 
Übersetzt von Ellen Rohlfs, Tlaxcala
Mehr als 370 000  Kinder leiden nach Israels Attacke auf Gaza im letzten Jahr  an  einer Kriegsneurose.

Sayed Bakr  erlebte  während eines tödlichen Raketenangriffs die dunkelsten Tage des Krieges in Gaza.

More than 370,000 children have been left shell-shocked by last year's Israeli attack on Gaza
Sich unter ein Portrait seines vertrautestem  Bruder Mohammed zu stellen, dem er bei diesem Angriff verloren hat, ist für ihn zu viel. Nachdem er sich freiwillig  unter das Bild stellte, brach der 12Jähtige zusammen und schrie nach seiner Mutter. Sayed und seine Freunde waren das Ziel von einem der schrecklichsten Episoden des Krieges im letzten Sommer zwischen Israel und Hamas in Gaza. Während sie Fußball am Strand spielten, kamen sie unter Beschuss eines israelischen Piloten, der sie  anscheinend  für Militante hielt. Vier Jungen von der Bakr-Familie starben bei dem Raketenbeschuss und vier wurden verletzt. Unmittelbar danach blieb Sayed  von dem Schrecken gelähmt und war nicht in der Lage zu sprechen und drehte und wandte sich an einer Mauer. Heute, also sechs Monate später, ist er eines von hundert-tausenden Kindern in Gaza, die eine Behandlung der Kriegsneurose bräuchten. Nach seinen Schreianfällen, Alpträumen und häufigen Gewaltausbrüchen wurden  ihm antipsychotische Medikamente gegen  post-traumatische Stressorder (PTSD) gegeben. Er geht nicht mehr zur Schule. Häufig  hat er Visionen von der Explosion.    „Gewöhnlich träume ich davon, dass ich tot bin“, sagte Sayed. Zögerlich spricht er im spartanischen Wohnzimmer, nur ein paar hundert Meter von der Stelle, wo der Beschuss stattfand. „Ich sehe im Traum noch immer, wie meine Brüder und Cousins hinter mir her rennen. Als die Raketen fielen und wir wegrannten, war ich sicher, dass wir alle sterben würden. Noch heute steckt der Schrecken in meinen Gliedern. Wann immer ich ein lautes Geräusch  oder einen Knall höre, erschrecke ich. 
Die vier Kinder kurz vor ihrem Tod auf dem Strand

 Er ist nicht allein. Es gibt in Gaza eine Menge Geschichten von schwer traumatisierten Kindern, die unter den Nachwirkungen des Krieges leiden. Der 50-Tage-Konflikt hinterließ 539 tote Kinder und fast 3000 verletzte Kinder, aber nach der UN sind die psychischen Verletzungen genau so verheerend, wenn nicht gar noch schwieriger in Zahlen auszudrücken.
Kinder, die zusahen, wie ihre Geschwister oder Eltern oft  grauenhaft  getötet wurden, sind geschlagen zurückgeblieben und etwa 35-40% von Gazas Millionen Kindern leiden an Kriegsneurose, wie  der Psychologe Hasan Zeyada vom  Gaza Community Mental Health Programm (GCMHP) sagt.
Am Donnerstag sagte eine israelische Menschenrechtsgruppe, dass die israelischen Politiker und militärischen Führer das Internationale Gesetz gebrochen haben, als sie darauf bestanden zivile  Wohngebiete zu bombardieren, sogar  nachdem es offensichtlich wurde, dass dies Tausende unschuldiger Leute töten würde.
Sayed Bakr zu Hause (ROBERT TAIT)
UNICEF gab zu, dass ihr die Quellen fehlen, um damit zurecht zu kommen. „Wir schätzen, dass 373 000 Kinder im Gazastreifen nach dem Krieg psycho-soziale Hilfe brauchen“;  sagte Pernille Ironside, Leiterin der Agentur des Gaza-Feldbüros. „ mit einem Drittel dieser Kinder arbeiten wir, die andern zwei Drittel brauchen Unterstützung und bekommen sie nicht.
Die Aussicht ist düster, auch für die, die schon Hilfe bekommen.
Eyad Habib, 5,vor dem Elternhaus, auf dem Weg zur Schule  (ROBERT TAIT)
Muntaser Bakr, 11, Sayeds Cousin, der  bei dem Angriff auf den Strand am Kopf, Arm und Rücken verletzt wurde, verlor seinen zehnjährigen Bruder Zakaria.  Auch er wurde mit PTSD diagnostiziert, aber in einer schlimmeren Notlage.
Medikamente kosten 66 Pfund je Rezept - eine große Belastung für seine verarmte Familie. Dies braucht er für seine regelmäßigen Anfälle und nervösen Zuckungen.
Muntaser Bakr (ROBERT TAIT)
Wochen nach dem Krieg versuchte Muntaser  nach einem Streit mit seinem Vater von einem Balkon der ersten Etage - die Wohnung der Familie –  zu springen, in einem scheinbaren Selbstmordversuch. Ahad, sein Vater, konnte dies im letzten Augenblick verhindern.  Er musste von der Schule genommen werden, nachdem er „beinahe  einen Jungen aus seiner Klasse getötet hatte, nach Herrn Bakr,55, einem Fischer, wie die meisten Männer seiner Familie. Die gewalttätige Tendenz führte er zu Hause weiter, bis dahin, dass er versuchte, die vier-jährige Tochter von einem seiner älteren Brüder, aufzuhängen.
„Ich sterbe täglich 100 mal, wenn ich ihn so sehe“, sagte Herr  Bakr, als Muntaser neben ihm mit zwei Teddybären herumzappelte. „Er ist nicht mehr dasselbe Kind. Er will nicht mehr gehorchen. Egal was wir sagen. Wenn er etwas will, fordert er es, egal wie es sich auf andere auswirkt. Eine Zeit lang sagte er, er wolle ein Kämpfer werden, um so den Tod seines Bruders und seiner Cousins zu rächen. Er hat jetzt damit aufgehört und ich will ihn nicht daran erinnern.
Während sich bei vielen Jungs die Massaker des letzten Sommers  ausgewirkt haben und sie gewalttätig wurden, haben sich bei den Mädchen die Traumatas  oft  darin geäußert, dass sie sich bedrückt zurückzogen.
Die zehnjährige Sara Kudaih wird vom Tod ihres jüngsten Bruders, Anas, verfolgt, der nach einer Verletzung während der Bombenangriffe auf die Stadt Khurzaa  an der Grenze  mit Israel verblutete.
Sara Kudaih, vor einem Bild ihres verstorbenen Bruders. (ROBERT TAIT)
Die Familie musste unter einem Raketenhagel fliehen; sie ließen den siebenjährigen Anas mit einer schrecklichen Magenwunde  auf dem Boden liegen. Es war eine grässliche Szene, die Sara mitbekam und von einem Sanitäter des Roten Halbmondes gefilmt wurde, der Stunden später ankam und den sterbenden Jungen vorfand.
Heute ist sie ein ängstliches, introvertiertes Kind, das sich oft weigert zu essen oder Hausarbeit zu machen, nachdem sie vorher eine ausgezeichnete Schülerin war, nach Aussagen der Eltern. Wenn man sie fragt, wie sie sich fühlt, antwortet sie: „Traurig – ich habe meinen Bruder verloren. Er wurde getötet.“
Spezialisten haben 12 intensive Therapiesitzungen empfohlen, um Saras PTSD zu behandeln. Selbst dann wird sie wahrscheinlich nur 70% Erholung erreichen, nach Mahmoud Abdul Aziz Abu-Toaima, einem Psychologen vom  Palästinensischen Zentrum für Demokratie und Konfliktlösung.
Sie zählt zu den Glücklichen. Diana und Mohammed Ayad wurden Waisen, nachdem ihre verwitwete Mutter während der Bombardierung von Gazas Vorort  Shejaiya getötet wurde, als die Familie ihre Wohnung zu verlassen versuchte.
Kein Kind hat psychologische Untersuchung oder Unterstützung erhalten trotz beständiger psychischer Gesundheitsprobleme, wie Verwandte  berichten. Außer den physischen Verletzungen von Diana, 15, die  umfassende Hauttransplantationen benötigt und Mohammed, 10, dem ein Zeh amputiert werden musste.
Diana, die einmal wünschte, Ärztin zu werden, geht nicht mehr zur Schule; Sie ist  wegen ihrer Verletzungen an die von Raketen verwüstete Wohnung gebunden.
„Ich fühle mich psychisch wegen des Geschehens sehr schlecht und leide sehr unter meinen Beinverletzungen,“ sagte sie, „ich bin nicht froh, dass ich überlebte. Ich wünschte, ich wäre gestorben.“
Der Stadtteil Shejaiya wurde von den israelischen Angriffen verwüstet
(ROBERT TAIT)
 All dies findet vor einem Hintergrund einer verwüsteten Landschaft zusammengefallener Gebäude und Infrastrukturen statt. Mit  3,3 Milliarden versprochener Wiederaufbauhilfe nach dem Konflikt sind bisher gescheitert (d.h. bisher kam keine Hilfe). Shejaiya  ist heute  eine Szene  schlimmster Gewalt und sieht kaum anders  aus als sein zertrümmertes  äußeres Erscheinungsbild kurz nach Israels Bodenoffensive. Es ist eine makabre Aussicht, den die  psychologischen Helfer haben, sie reden von einer „verlorenen Generation“  der Kinder in Gaza.
„Der letzte Krieg  überschreitet die zusammengefasste  Zahl  von Toten und Verletzten aller vorausgegangener Kriege und die Auswirkung auf die Kinder von Gaza und ihre Zukunft sieht absolut desolat aus“, sagte  Frau I. von UNICEF.  „Die Erwachsenen hier leben mit dem Risiko, die Hoffnung zu verlieren, und wir  sehen vor uns die Gefahr, eine ganze Generation Kinder zu verlieren, die  nichts zu verlieren haben, und so  potentiell in militante Aktivitäten geraten.“

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