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Saturday, 7 February 2015

Landwirtschaft in Afrika: Mythos und Wahrheit

Von Ian Fitzpatrick, New Internationalist, 26/01/2015
Übersetzt von Susanne Schuster, Tlaxcala

Kakaobohnen: Afrikas Topexport 2011. Francesco Veronesi unter einer Creative-Commons-Lizenz

Einer der in dem Bericht “Die Reichen werden reicher und andere gefährliche Täuschungen” von Global Justice Now (vormals WDM), erschienen anlässlich des Weltwirtschaftsforums, skizzierten Mythen lautet, dass Afrika unsere Hilfe braucht. Eine Variante dieses Mythos', nämlich dass die afrikanische Landwirtschaft Hilfe von reichen westlichen Ländern braucht, wird von den Medien, Investoren, Agrarkonzernen und anderen Multis unablässig breitgetreten. Manchmal fühlt es sich so an als wären wir gezwungen, in einer abgewandelten Version der BBC-Show The Unbelievable Truth (Die unglaubliche Wahrheit) teilzunehmen, wo die Spieler einen Vortrag voller Lügen halten müssen und dabei eine Handvoll Wahrheiten an den anderen Mitspielern vorbeischmuggeln müssen. Im Fall des Narrativs “Afrika braucht unsere Hilfe” werden bei dem Spiel eine Handvoll Wahrheiten dazu benutzt, um einige ungeheuer schwerwiegende Lügen an ahnungslosen Regierungen, NGO und der Zivilgesellschaft vorbeischzumuggeln.

Man nehme das Thema landwirtschaftliche Produktion in Afrika. Die in der Mainstreamerzählung herausgegriffenen Wahrheiten sind, dass 25 Prozent der Bevölkerung im südlichen Afrika unterernährt sind und dass Afrika das weltweit niedrigste Niveau der Agrarproduktivität aufweist, mit einem extremen Mangel an Dünger, verbessertem Saatgut und Bewässerung. Wahr ist auch, dass ein hohes Bevölkerungswachstum, eine massive Armut, schlechte Infrastruktur und ein niedriges Investitionsniveau das Problem verschlimmert haben und den Zugang zu Nahrung für Millionen Menschen erschweren.

Doch aus diesen Wahrheiten zieht die Mainstreamerzählung dann einen falschen Schluss: dass mit der von reichen Ländern und internationalen Entwicklungsorganisationen geleisteten finanziellen und technischen Hilfe – wie die durch die Neue Allianz für Ernährungssicherheit bisher getätigten “verantwortungsvollen privaten Investitionen” in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar – Arbeitsplätze geschaffen werden und die Nahrungsproduktion angekurbelt wird, damit Afrika sich am Ende selbst ernähren kann.
Zwar stimmt es, dass Millionen Menschen in Afrika an Hunger und Mangelernährung leiden, doch ist diese Darstellung unvollständig und irreführend. Es fehlt der Kontext und vor allem wird dabei nicht hinterfragt, wie es dazu kommen konnte auf einem Kontinent, der in den 1960-er Jahren im Hinblick auf die Nahrungsversorgung autark war. Dafür gibt es zwei wichtige Gründe und sie deuten auf eine völlig andere Lösung für das afrikanische Hungerproblem hin.

Erstens wurde die Agrarproduktion Afrikas während der Kolonialzeit zum Nutzen der reichen Länder des Nordens geplant, um ihren gewaltigen Appetit auf Rohstoffe und Genussmittel (also keine Grundnahrungsmittel) zu stillen. Die wichtigsten afrikanischen Exportgüter (nach Wert) im Jahr 2011 waren Kakaobohnen, Kaffee, Baumwolle, Kautschuk und Tabak – Güter, die eher dazu geeignet sind, die Wünsche reicher Konsumenten zu befriedigen als arme Gemeinschaften zu ernähren.

Zweitens wurden afrikanische Länder von reichen Ländern und Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank dazu gezwungen, ihren Handel zu deregulieren. Diese Institutionen vergeben nach wie vor Kredite an Entwicklungsländer und ermuntern sie gleichzeitig, ihre öffentlichen Dienstleistungen zu privatisieren und ihre Wirtschaften zu deregulieren. Am Ende importieren diese Länder Grundnahrungsmittel wie Weizen, Palmöl, Mais, Zucker und Sojaöl – Erzeugnisse, die größtenteils von den reichen Ländern des Nordens produziert werden, wo der Agrarsektor stark subventioniert wird. Sie haben Afrika darüber hinaus für Agrarkonzerne erschlossen, die rasch die Kontrolle über afrikanische Ressourcen wie Land, Wasser und Arbeit erlangen.

Die großen Medien, transnationale Konzerne und Regierungsbehörden sagen uns, dass Afrika Gentechnik und chemischen Dünger braucht, um Ernteerträge zu steigern. Was sie uns nicht sagen ist, dass der Einsatz von Gentechnik langfristig sogar zu sinkenden Erträgen sowie zu einem erhöhten Einsatz von Pestiziden und Herbiziden führt.

Immer mehr Studien belegen, dass eine nachhaltige Landwirtschaft – oder Agrarökologie – genauso hohe, und oftmals höhere, Erträge erzielt wie die industrielle Landwirtschaft. Doch das ist nicht alles. In der Agrarökologie gibt es eine Fülle von positiven Folgeeffekten, z. B. eine größere Artenvielfalt, zunehmende Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten, die Reduzierung der Geschlechterkluft, eine verbesserte Gesundheit und Ernährung und sie hilft, die Auswirkungen des Klimawandels zu mindern.

Ob Agroforstsysteme, der Einsatz von Enten im Reisanbau oder biologische Anbautechniken: Die Beweislage im Hinblick auf Agrarökologie ist inzwischen eindeutig. Was wir brauchen, sind entschlossene Politiker, die den Mythos der industriellen, von Konzernen beherrschten Landwirtschaft hinterfragen, und zwar durch die Reform des Subventionssystems, der Ablehnung von unfairen Handelsabkommen und durch die Förderung der Agrarökologie und Ernährungssouveränität, damit die Kleinbauern Afrikas wieder die Kontrolle über ihr Nahrungssystem erlangen können.

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