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Thursday, 12 February 2015

„Ohne historische Aufarbeitung bleibt die Ukraine ein Pulverfass“:
Der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe über den ukrainischen Nationalismus und den problematischen Umgang mit Pluralität

von, Telepolis, 10.02.2015
Der in Polen geborene und in Berlin lebende Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe hat jahrelang den ukrainischen Nationalismus erforscht und die erste wissenschaftliche Biografie von Stepan Bandera geschrieben, die sich auch tiefgehend mit dessen politischem Kult und Mythos auseinandersetzt. Im Interview mit Telepolis spricht Rossoliński-Liebe über die Bedeutung von Nationalismus und fehlender Geschichtsaufarbeitung für den heutigen Konflikt in der Ukraine.
Gedenkfeier zum 107. Geburtstag von Stepan Bandera in Kiew am 1. Januar 2015. Bild: Nabak/CC-BY-SA-3.0



Herr Rossoliński-Liebe, Sie forschen seit vielen Jahren zur Geschichte der Ukraine und kennen das Land gut. Hat Sie der Konflikt in der Ukraine, der ja vor rund 15 Monaten begann, eigentlich überrascht?
Grzegorz Rossoliński-Liebe: Der Konflikt in der Ukraine selbst hat mich nicht überrascht aber der Verlauf des Konflikts, sein Ausmaß und der darauffolgende Krieg schon. Als ich in Lemberg, zum Auslandsemester 2004 war und als ich in den folgenden Jahren in der Ukraine geforscht habe, habe ich die kulturelle und politische Feindschaft zwischen Ost- und Westukrainern immer wieder gemerkt. Besonders Westukrainer in Galizien haben sich pejorativ über Ostukrainer geäußert. Sie behaupteten, dass sie europäischer als die Ostukraine seien und werteten die Ostukrainer ab, weil dort in der Ostukraine die ukrainische Sprache und der ukrainische Nationalismus weniger verbreitet waren.
Dabei habe ich mich immer wieder gewundert, warum der Nationalismus in der Westukraine als ein europäischer Wert verstanden wird und warum man das ganze Land nach dem Muster der Westukraine (Ostgalizien und Wolhynien) nationalisieren sollte, anstatt die kulturelle Pluralität zu unterstützen und die russische Sprache als eine gleichberechtigte Zweitsprache anzuerkennen. Davon würde die ukrainische Kultur, Gesellschaft und der Staat profitieren. Für viele Menschen in der Zentral- und Ostukraine war Ukrainisch lange und ist auch heute noch eine Sprache, die sie im Alltag nicht benutzen und die sie nicht beherrschen. Von ihnen zu verlangen, in den Schulen, Behörden oder Universitäten nur in der offiziellen Staatssprache Ukrainisch zu sprechen, kam mir merkwürdig vor. Ein anderer Umgang mit der kulturellen Pluralität würde auch Wladimir Putin und den Separatisten Wind aus den Segeln nehmen, weil sie die Ostukrainer und die in der Ukraine lebenden Russen nicht mehr "beschützen" müssten. 

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