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11/01/2026

Iran: Destabilisieren durch Strangulieren
Anmerkungen zur neuen Protestwelle im Iran

Joachim Guilliard, Nachgetragen, 9.1.2026

Joachim Guilliard (*1958), hat Physik studiert, arbeitet hauptberuflich als IT-Berater und ist in der deutschen Friedensbewegung aktiv. Er befasst sich seit langem mit dem Nahen und Mittleren Osten, schwerpunktmäßig mit dem Irak und ist Verfasser zahlreicher Fachartikel sowie Mitherausgeber bzw. -autor mehrerer Bücher über die von Kriegen betroffenen Länder der Region. Seit 2009 betreibt er den Blog „Nachgetragen“.

Die starke Welle des Protests, die sich Ende 2025 im Iran gegen die wirtschaftliche Misere ausbreitete, kam nicht überraschend. Die im Lauf des Jahres immer weiter verschärften Wirtschaftsblockaden und die direkte militärische Aggression Israels und der USA im Juni, haben die wirtschaftlichen Probleme des Landes erheblich verschärft. Das Embargo, mit dem der Iran konfrontiert ist, ist ähnlich umfassend und brutal wie das gegen Kuba.

Es gelingt dem Land zwar durch Ausweitung des Handels mit Russland, China und seinen asiatischen Nachbarn, die Auswirkungen einigermaßen abzufedern. Die finanziellen Einbußen und Versorgungsprobleme sind aber dennoch erheblich. Sie führen unter anderem zur steten Abwertung der iranischen Währung, zu wachsenden Kaufkraftverlusten und einer anhaltend hohen Inflation, die seit der Wiederinkraftsetzung der Blockaden durch US-Präsident 2018 auf über 50 Prozent schnellte und seither bei durchschnittlich 35 Prozent liegt. Auch sonstige inländischen Krisen werden durch das Embargo noch verschärft. Millionen Menschen, auch aus der Mittelschicht, werden so zunehmend in die Armut getrieben. [1]

Genau das ist das offen verkündete Ziel Trumps. Die Iraner sollen durch drastische Verschlechterung der Lebensbedingungen derart in die Verzweiflung getrieben werden, dass sie sich gegen das Regime erheben. Das ist an sich auch das generelle Kalkül hinter Wirtschaftssanktionen[2] und wird auch von Berlin, Paris und London verfolgt. Die von ihnen über den „Snapback“ reaktivierten Wirtschaftssanktionen der UNO und der EU ließen den Währungskurs weiter verfallen und trieben die Inflation auf fast 50 Prozent.

Auslöser der aktuellen Proteste war schließlich ein extremer Absturz des Wechselkurses des Rial gegenüber dem Dollar. Händler auf dem Teheraner Bazar schlossen daraufhin ihre Läden und gingen auf die Straße. Der Rial hatte innerhalb weniger Tage weitere 10 Prozent seines Wertes verloren. Da dies selbst für den Kursstürze gewohnte Iran außergewöhnlich war, sieht seine Führung die „Hand des Feindes“ dahinter. [3]

Demonstrationen breiteten sich zwar im weiten Teilen des Landes aus, die Hoffnungen der USA und ihrer europäischen Verbündeten erfüllten sich bisher jedoch nicht. Auch wenn die westlichen Medien einen anderen Eindruck zu vermitteln suchen, zielen die Proteste nicht auf einen Umsturz, sondern richten sich überwiegend gegen Inflation, unsichere Arbeitsverhältnisse, prekäre Lebensbedingungen und die unzureichenden Maßnahmen der Regierung dagegen.

Diese reagiert in der angespannten Lage zurückhaltender als bei früheren Protesten.[4] Sie erklärt die Forderungen für berechtigt, sucht den Dialog und machte erste Zugeständnisse, wie Steuernachlässe für Händler und höhere Subventionen.[5] Präsident Massud Peseschkian räumte aber auch ein, dass der Regierung aktuell die Mittel zur Lösung der Wirtschaftskrise fehlen.[6]

Offensichtlich bemühten sich allerdings auch bewaffnete Gruppen, Demonstrationen eskalieren zu lassen. In mehreren Provinzen kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, wurden Gebäude in Brand gesteckt und Polizeistationen angegriffen. Die iranischen Sicherheitskräfte reagierten mit entsprechender Härte. Sie gehen, sicherlich nicht zu Unrecht, auch von ausländischer Einmischung aus.  

Überwachung, Anklagen und Verhaftungen hatten seit Juni zugenommen, nachdem Drohnenangriffe, Attentate und Sabotage von iranischem Territorium aus gezeigt hatten, in welchem Maße sensible Bereiche des Landes von israelischen und US-amerikanischen Geheimdiensten unterwartet worden waren. Pro-westliche Oppositionelle gerieten so verstärkt unter Verdacht. Wie immer verengen Angriffe, Destabilisierungsbemühungen und Wirtschaftsblockaden drastisch die politischen zivilgesellschaftlichen Spielräume.

Doch die westlichen Strangulationsmaßnahmen und die massive Unterstützung regierungsfeindlicher Kräfte im Land haben nichts mit Bemühungen um Freiheit und Demokratie zu tun. Sie richten sich auch nicht primär gegen das iranische Atomprogramm. Ziel ist die Ausschaltung einer Regionalmacht, die mit ihrem Ressourcenreichtum, hohem Bildungsgrad und technologischem Niveau ein enormes Entwicklungspotential hat. Und die – ähnlich wie Venezuela – strategische Allianzen mit China, Russland und anderen Gegnern des Westens unterhält, Handel am Dollar vorbei betreibt und durch seine geografische Lage ein multipolarer Knotenpunkt ist.

Da im Land selbst ausreichend starke Kräfte fehlen, um ein pro-westliches Regime zu installieren, zielen USA, Israel und der EU darauf, den Iran auf das Niveau von Syrien, Irak oder Libanon herunterzubringen.

Noten

[1] Iran nach dem Zwölf-Tage-Krieg, UZ vom 26. Dezember 2025

[2] Joachim Guilliard, Arsenal des Faustrechts: Wirtschaftsblockaden, Menschenrechte und der Widerstand des Südens, IMI-Studie 2024/4, 24. Mai 2024

[3] Sayyed Khamenei links currency devaluation to ‚enemy hand’, Al Mayadeen, 3 Jan 2026

[4] Tehran adjusts its public tone as protests return, Iran International, 1.1.2026

[5] Iran President Moves to Calm Protests With Vow to Fix Budget, Bloomberg, 30.12.2025, Iran Offers Citizens $7 a Month in a Bid to Cool Protests, New York Times, 5.1.2026

[6] Iran’s Pezeshkian urges unity as protests over economic woes turn deadly, Aljazeera, 31-12-2025

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