In seinem Wörterbuch „Bunter Totalitarismus“ verbindet der Bremer Soziologe Prof. Rudolph Bauer mit Weitblick die beiden Begriffe „bunt“ und „totalitär“, um den zeitgenössischen Totalitarismus zu beschreiben und diesen gleichzeitig zu denunzieren, bevor es zu spät ist. In einer Welt, in der Gewalt, Militarismus, Einschränkung von Freiheiten, Überwachung, Rassismus, Diskriminierung und vollkommene Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit auf dem Vormarsch sind, rütteln uns die Begriffe, die Bauer in seinem kritischen Wörterbuch anführt, auf, um unabhängig und kritisch zu denken, ohne sich von den bunten Farben dieses zeitgenössischen Faschismus blenden zu lassen. Dr. Rampoldi von ProMosaik hat den Autor interviewt. Dieses Wörterbuch spart uns die Lektüre vieler Werke. Es lehrt uns die kritische Hinterfragung einer Welt, die aufgrund ihrer Buntheit antifaschistisch aussieht, aber in Wirklichkeit totalitär strukturiert ist.
Herr Prof. Bauer, erklären Sie uns bitte die Wahl des
Titels Ihres Wörterbuchs.
Der Titel benennt die gesamtpolitische Entwicklungstendenz der Länder des Westens in Richtung einer als bunt verkleideten totalitären Herrschaft. „Bunt“ und „totalitär“ scheinen sich zu widersprechen. Der klassische Totalitarismus war uniform: mit einer Partei, einer Ideologie, einem Führer, einem Volk, einer Rasse, einem Kollektiv und einer einzigen Bestimmung, nämlich die Welt zu beherrschen. Der zeitgenössische Totalitarismus, der vor unseren Augen entsteht, scheint das Gegenteil zu sein. Er ist vielfältig und bunt wie der Regenbogen: geschlechterdivers, migrantisch, antifaschistisch und antirassistisch, „selbstbestimmt“, verschiedenartig und woke. Er gibt sich liberal, weltoffen, freiheitlich und demokratisch. Äußerlich grenzt er sich ab von der Ideologie des Retrofaschismus. Doch das entscheidende Element dieses Herrschaftssystems ist totalitär. Es zensiert und unterdrückt, grenzt aus und grenzt ab, sperrt ein und sperrt aus, ist militaristisch auf Eroberung und Weltdominanz ausgerichtet. Das sich anbahnende totalitäre Regime täuscht durch Buntheit an der Oberfläche über seinen wahren Charakter und tieferen Kern.
Welche sind die Hauptthemen der Begriffe, die in Ihrem Wörterbuch vorkommen?
Die Stichwörter beziehen sich auf Institutionen, Organisationen, Personen und nicht zuletzt auf Begriffe und deren Bedeutung bzw. deren verwirrende Bedeutungsvielfalt. Die Stichwörter werden einerseits durch Querverweise zueinander in Beziehung gesetzt. So entsteht ein Gitter von Zusammenhängen, das uns gewahr werden lässt, dass wir hinter den Gitterstäben wie in Gefangenschaft leben. Oder anders formuliert: Es bildet sich ein dichtes Netz von Verknüpfungen, in die wir einbezogen sind und derer wir als Konsumenten der Tagesnachrichten nicht gewahr werden. Unser gewöhnliches Denken ist parzelliert. Wir sehen immer nur eine Seite des Schicksalswürfels der Realität. Wir sehen immer nur das Tagesgeschehen, nicht den allgemeinen, umfassenden Kontext. Ebenso wenig erkennen wir die geschichtlichen Zusammenhänge, welche sich bis in die Gegenwart auswirken und in die Zukunft fortpflanzen. Das Wörterbuch lässt Gegenwartsbeziehungen auf der horizontalen Ebene erkennen. Und es zeigt sowohl vertikale Bezüge in die totalitäre Vergangenheit als auch Entwicklungslinien in eine totalitäre Zukunft.
Warum ist der Vergleich zwischen der heutigen Situation und der der NS-Zeit so wichtig?
Aufgrund meiner eigenen Biografie – ich bin 1939 geboren – und vor dem Hintergrund der verbrecherischen Geschichte des deutschen Nationalsozialismus bin ich als Politikwissenschaftler hochsensibel. Ich reagiere seismografisch, wenn sich heute Spuren, Muster und Elemente der Vergangenheit erneut zeigen und zu erkennen geben, auch wenn sie bunt dekoriert sind. Metaphorisch gesprochen, fürchte ich: Es gibt eine deutsche Untertanen-„DNA“, die sich nach den verlorenen zwei Weltkriegen erneut rüstet – ideologisch, propagandistisch und militärisch rüstet! –, den russischen Osten wieder einmal zum Feind zu erklären und, diesmal im Verbund mit der Nato, erobern zu wollen. Die Bezüge zum historischen Nationalsozialismus ermöglichen es, den pseudodemokratischen und im Kern totalitären Charakter gegenwärtiger deutscher Politik offenzulegen und zu verdeutlichen. Dass dies im Unterschied zu früher im Rahmen der Nato und im transatlantischen Verbund der Fall ist, verschärft die Dramatik.
Welche Vorteile bietet eine Präsentation eines solchen
Themas in Form eines Wörterbuchs und welche sind die Einschränkungen?
Das Wörterbuch lässt, wie gesagt, einerseits die großen Zusammenhänge und die historischen Bezüge erkennen. Es ist erkenntnisfördernd. Ein intellektuelles Vergnügen gewissermaßen! Jeder, der das Wörterbuch nutzt und damit selbständig arbeitet, kann durch die Lektüre und durch eigenes Nachdenken sich die Wirklichkeit erschließen – sprich: die Gefängnisgitter der uns einsperrenden Zusammenhänge begreifen, das Fangnetz der uns umspannenden Realität schmerzhaft spüren. Andererseits habe ich im Vorwort angemerkt, dass das Nachschlagen im Wörterbuch das Kaufen und Lesen vieler wissenschaftlicher Werke überflüssig macht, aber auch weitaus weniger zeitraubend ist. Was das Wörterbuch nicht leistet? Da es sich auf der Ebene der handelnden Akteure, der Organisationen und Organisatoren sowie ihrer Ideologien, bewegt, sind die politisch-ökonomischen Strukturen, Dynamiken und Krisen unterbelichtet. Diese müssen bei der Lektüre zusätzlich mitbedacht werden, um ein vollständiges Bild der Wirklichkeit zu gewinnen.
Welche ist Ihre Hauptbotschaft für unsere LeserInnen im englisch- bzw. französischsprachigen Raum?
Der englisch- bzw. französischsprachige Raum, das ist im Großen und Ganzen der so genannte Westen. Da Deutschland ein wirtschaftlich bedeutender Teil des Westens ist (oder war?), ist das Verständnis der deutschen Entwicklung ein wichtiger Baustein zum Verständnis des Westens, der EU und der Nato. Darüber hinaus ist Deutschland – wie andere Länder auch – einbezogen in globale Entwicklungen der weltumspannenden Digitalisierung, Pandemisierung und CO2-Hysterie, gesteuert u. a. von Big Data, Big Pharma, den pseudowissenschaftlichen Klima-Propheten, der UNO, der WHO und von Akteuren wie den Bilderbergern, dem World Economic Forum und diversen „G“-Zusammenkünften. Diese beeinflussen ihrerseits auch den gesamten englischsprachigen Raum und darüber hinaus. Als Hauptbotschaft würde ich die Warnung nennen wollen, dass sich die Welt wieder in einer todbringenden Situation befindet, in welcher Deutschland nicht zum ersten Mal an der Auslösung von Weltkriegen beteiligt ist.
Welche sind die Hauptaussagen Ihrer Kritik am Kapitalismus?
Das produktions-, handels- und
finanzkapitalistische System der gnadenlosen Ausbeutung und Profitwirtschaft
befindet sich seit der Bankenkrise 2008 in einer Phase des langdauernden ökonomischen
Niedergangs. Daraus sich wieder einmal zu „befreien“, werden keine totalitären
Entwicklungen gescheut: weder pandemische Lockdowns noch weitere
Staatsverschuldung in Milliardenhöhe sowie der Abbau sozialer Leistungen auf
Kosten der Masse der Werktätigen, noch mörderische Vernichtungskriege gegen
Zivilisten, Frauen und Kinder. Ja, die Kriege werden sogar provoziert. Der umfassende
menschenfeindliche Prozess des kapitalistischen „Great Reset“ wird durch eine
Kulisse bunter Propaganda verdeckt. Das kritische Wörterbuch „Bunter Totalitarismus” macht den Blick frei hinter die Kulissen. Inzwischen
aber verändert sich die Regenbogen-Buntheit rasend schnell in grüne Tarnfleck-Färbung.



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