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11/01/2026

Iran: Destabilisieren durch Strangulieren
Anmerkungen zur neuen Protestwelle im Iran

Joachim Guilliard, Nachgetragen, 9.1.2026

Joachim Guilliard (*1958), hat Physik studiert, arbeitet hauptberuflich als IT-Berater und ist in der deutschen Friedensbewegung aktiv. Er befasst sich seit langem mit dem Nahen und Mittleren Osten, schwerpunktmäßig mit dem Irak und ist Verfasser zahlreicher Fachartikel sowie Mitherausgeber bzw. -autor mehrerer Bücher über die von Kriegen betroffenen Länder der Region. Seit 2009 betreibt er den Blog „Nachgetragen“.

Die starke Welle des Protests, die sich Ende 2025 im Iran gegen die wirtschaftliche Misere ausbreitete, kam nicht überraschend. Die im Lauf des Jahres immer weiter verschärften Wirtschaftsblockaden und die direkte militärische Aggression Israels und der USA im Juni, haben die wirtschaftlichen Probleme des Landes erheblich verschärft. Das Embargo, mit dem der Iran konfrontiert ist, ist ähnlich umfassend und brutal wie das gegen Kuba.

Es gelingt dem Land zwar durch Ausweitung des Handels mit Russland, China und seinen asiatischen Nachbarn, die Auswirkungen einigermaßen abzufedern. Die finanziellen Einbußen und Versorgungsprobleme sind aber dennoch erheblich. Sie führen unter anderem zur steten Abwertung der iranischen Währung, zu wachsenden Kaufkraftverlusten und einer anhaltend hohen Inflation, die seit der Wiederinkraftsetzung der Blockaden durch US-Präsident 2018 auf über 50 Prozent schnellte und seither bei durchschnittlich 35 Prozent liegt. Auch sonstige inländischen Krisen werden durch das Embargo noch verschärft. Millionen Menschen, auch aus der Mittelschicht, werden so zunehmend in die Armut getrieben. [1]

Genau das ist das offen verkündete Ziel Trumps. Die Iraner sollen durch drastische Verschlechterung der Lebensbedingungen derart in die Verzweiflung getrieben werden, dass sie sich gegen das Regime erheben. Das ist an sich auch das generelle Kalkül hinter Wirtschaftssanktionen[2] und wird auch von Berlin, Paris und London verfolgt. Die von ihnen über den „Snapback“ reaktivierten Wirtschaftssanktionen der UNO und der EU ließen den Währungskurs weiter verfallen und trieben die Inflation auf fast 50 Prozent.

Auslöser der aktuellen Proteste war schließlich ein extremer Absturz des Wechselkurses des Rial gegenüber dem Dollar. Händler auf dem Teheraner Bazar schlossen daraufhin ihre Läden und gingen auf die Straße. Der Rial hatte innerhalb weniger Tage weitere 10 Prozent seines Wertes verloren. Da dies selbst für den Kursstürze gewohnte Iran außergewöhnlich war, sieht seine Führung die „Hand des Feindes“ dahinter. [3]

Demonstrationen breiteten sich zwar im weiten Teilen des Landes aus, die Hoffnungen der USA und ihrer europäischen Verbündeten erfüllten sich bisher jedoch nicht. Auch wenn die westlichen Medien einen anderen Eindruck zu vermitteln suchen, zielen die Proteste nicht auf einen Umsturz, sondern richten sich überwiegend gegen Inflation, unsichere Arbeitsverhältnisse, prekäre Lebensbedingungen und die unzureichenden Maßnahmen der Regierung dagegen.

Diese reagiert in der angespannten Lage zurückhaltender als bei früheren Protesten.[4] Sie erklärt die Forderungen für berechtigt, sucht den Dialog und machte erste Zugeständnisse, wie Steuernachlässe für Händler und höhere Subventionen.[5] Präsident Massud Peseschkian räumte aber auch ein, dass der Regierung aktuell die Mittel zur Lösung der Wirtschaftskrise fehlen.[6]

Offensichtlich bemühten sich allerdings auch bewaffnete Gruppen, Demonstrationen eskalieren zu lassen. In mehreren Provinzen kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, wurden Gebäude in Brand gesteckt und Polizeistationen angegriffen. Die iranischen Sicherheitskräfte reagierten mit entsprechender Härte. Sie gehen, sicherlich nicht zu Unrecht, auch von ausländischer Einmischung aus.  

Überwachung, Anklagen und Verhaftungen hatten seit Juni zugenommen, nachdem Drohnenangriffe, Attentate und Sabotage von iranischem Territorium aus gezeigt hatten, in welchem Maße sensible Bereiche des Landes von israelischen und US-amerikanischen Geheimdiensten unterwartet worden waren. Pro-westliche Oppositionelle gerieten so verstärkt unter Verdacht. Wie immer verengen Angriffe, Destabilisierungsbemühungen und Wirtschaftsblockaden drastisch die politischen zivilgesellschaftlichen Spielräume.

Doch die westlichen Strangulationsmaßnahmen und die massive Unterstützung regierungsfeindlicher Kräfte im Land haben nichts mit Bemühungen um Freiheit und Demokratie zu tun. Sie richten sich auch nicht primär gegen das iranische Atomprogramm. Ziel ist die Ausschaltung einer Regionalmacht, die mit ihrem Ressourcenreichtum, hohem Bildungsgrad und technologischem Niveau ein enormes Entwicklungspotential hat. Und die – ähnlich wie Venezuela – strategische Allianzen mit China, Russland und anderen Gegnern des Westens unterhält, Handel am Dollar vorbei betreibt und durch seine geografische Lage ein multipolarer Knotenpunkt ist.

Da im Land selbst ausreichend starke Kräfte fehlen, um ein pro-westliches Regime zu installieren, zielen USA, Israel und der EU darauf, den Iran auf das Niveau von Syrien, Irak oder Libanon herunterzubringen.

Noten

[1] Iran nach dem Zwölf-Tage-Krieg, UZ vom 26. Dezember 2025

[2] Joachim Guilliard, Arsenal des Faustrechts: Wirtschaftsblockaden, Menschenrechte und der Widerstand des Südens, IMI-Studie 2024/4, 24. Mai 2024

[3] Sayyed Khamenei links currency devaluation to ‚enemy hand’, Al Mayadeen, 3 Jan 2026

[4] Tehran adjusts its public tone as protests return, Iran International, 1.1.2026

[5] Iran President Moves to Calm Protests With Vow to Fix Budget, Bloomberg, 30.12.2025, Iran Offers Citizens $7 a Month in a Bid to Cool Protests, New York Times, 5.1.2026

[6] Iran’s Pezeshkian urges unity as protests over economic woes turn deadly, Aljazeera, 31-12-2025

Lesen Sie auch
Unser Mann für Teheran: Die von den USA und Israel unterstützte Kampagne, die Reza Pahlavi, den Sohn des Schahs, für einen Regimewechsel im Iran positioniert, von Alex Shams


05/01/2026

Sie haben die Hämmer, wir sind die Nägel: Die europäische „Verteidigungspolitik“ ignoriert die menschliche Sicherheit

Ben Cramer, 5.1.2026
Übersetzt von Tlaxcala

Durch die Vertiefung in die Soziologie der Verteidigung an der École des Hautes Études en Sciences Sociales eignete sich Ben Cramer Kenntnisse in Polemologie an, um anschließend am Department of Peace Studies in Bradford zu studieren, bevor er seine ersten Erfahrungen bei Greenpeace in den Kampagnen für Abrüstung sammelte. Als Forscher am CIRPES arbeitete er an der Schweizer Milizarmee – im Auftrag der Fondation pour les Études de Défense Nationale. Als Journalist und ehemaliger Produzent der Sendung „Fréquence Terre“ auf RFI moderierte er ab 2008 die erste Debatte im Europäischen Parlament zum Thema „Kollektive Sicherheit und Umwelt“; nachdem er bereits in einer Denkfabrik zur nuklearen Proliferation innerhalb des Centre d‘Études et de Recherches de l‘Enseignement Militaire, dem CEREM, tätig war. Als assoziierter Forscher beim GRIP in Brüssel (zum ökologischen Fußabdruck militärischer Aktivitäten und zum Klimawandel) bemüht er sich, das Konzept der „ökologischen Sicherheit“ zu popularisieren und die Brücken zwischen Sicherheit, Umwelt und Abrüstung hervorzuheben. Webseite: https://athena21.org/

Wir müssen die Logik von Hammer und Nagel dekonstruieren. Diese Feststellung sollte Berufungen wecken, aber in der Zwischenzeit, während strategisches Denken versagt, hat sich der Sicherheitsbegriff nicht aus dem militärischen Korsett befreit. Und solange Waffen, ihr Einsatz und ihre Weiterentwicklung Priorität genießen, wird jede Zerstörung – einschließlich des „verzögerten Kindstods“, wie es der Vater der Polemologie Gaston Bouthoul nannte – in der Aneignung und Vergewaltigung planetarer Ressourcen enden. Zu diesen Zerstörungstaktiken werden im Rahmen hybrider Kriege Operationen hinzukommen, die Zivilisten davon abhalten sollen, ihre Rolle bei der Definition dessen, was die Gesellschaft zu verteidigen hat und wie, wahrzunehmen.


Zur Erklärung scheint es sinnvoll zu erfassen, wie sehr die Eliten, die uns regieren, in der Technologie gefangen sind, mit der sie sich ausgestattet haben. Diese bestimmt ihre Optionen oder, genauer gesagt, schränkt ihren Handlungsspielraum ein, wie die Bestellung eines Nachfolgers für den Flugzeugträger Charles-de-Gaulle veranschaulicht, der 42.000 Tonnen … diplomatische Geste darstellt. Die Ankündigung dieses Megabaustellen-Projekts (und noch nicht einmal europäisch!) bestätigt die Verleugnung, in der jene versinken, die nicht erkennen wollen, dass die langfristige Modernisierung der Schlagkraft eines der symbolträchtigstenElemente ist, um den souveränen Staat zu einem Agenten der Unsicherheit schlechthin zu machen.

Doch wie der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow schrieb: „Wenn der einzige verfügbare Werkzeug ein Hammer ist, neigt man dazu, jedes Problem als Nagel zu behandeln.“ (The Psychology of Science, 1966, ein Satz oft fälschlich Mark Twain zugeschrieben). Da also jene, die uns regieren, nur Hämmer griffbereit haben, muss jede Situation (symbolisiert durch einen Nagel) mit der „harten Tour“ angegangen werden; jeder Störer ist zwangsläufig ein Feind, der vernichtet werden soll. Die Formel mag „von gestern“ oder überholt erscheinen, da das Ziel künftiger Kriege eher in der Kontrolle als im Töten liegt. Der Feind ist nicht immer der, den man propagiert.

Um größere Sicherheit zu gewährleisten, müssen zunächst glaubwürdige Bedrohungen benannt und Prioritäten gesetzt werden. Ja, um einen Slogan der SNCF zu paraphrasieren: Eine Bedrohung kann eine andere verbergen. In einer Welt, die alle Rationalität verloren hat, in der die meisten Staaten mehr für nationale Sicherheit als für die Bildung ihrer Kinder ausgeben, versagen die Indikatoren. Leider ist es politisch nicht gewinnbringend, die These zu vertreten, dass Analphabetismus und/oder Rechenschwäche eine größere Bedrohung für die Menschheit darstellen als der Terrorismus. Deshalb übertreiben manche und verschweigen, dass die Opfer des Terrorismus sechsmal weniger zahlreich sind als die Toten an Bahnübergängen in Frankreich (Zahlen von 2020).

Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität ist ein Mittel, um die Instrumentalisierung von Bedrohungen aufzudecken. Beispielsweise hat die Medienkampagne von Donald Trump, die andeutete, das Coronavirus sei eine vorsätzliche Taktik Pekings, nicht verhindern können, dass Hunderttausende US-Bürger starben. Jedenfalls gesellen sich zu den „falschen“ Bedrohungen auch falsche Alarme und somit unangemessene Reaktionen. Dieses Phänomen ist nicht auf ein einzelnes Land beschränkt, selbst wenn es das Imperialste ist. Was also tun?

04/01/2026

Iraner·Innen und die Euromanie als kollektive Pathologie
Eine kritische Lageanalyse von Mostafa Ghahremani

 


Dr. Dr. Mostafa Ghahremani kam nach der iranischen Revolution 1979 nach Deutschland und studierte in Frankfurt Humanmedizin und Zahnheilkunde. Heute arbeitet er als Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie in einer Privatklinik. Als gesellschaftskritischer Aktivist verfolgt er seit Jahren die politische Entwicklung in Iran. Er ist Autor einer Monografie über Sadegh Ghotbzadeh, einen wichtigen, aber oft übersehenen Akteur der iranischen Revolution und späteren Außenminister, der 1982 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

 

Die Art und Weise, wie wir Iraner· Innen der westlichen Kultur und Zivilisation begegnen, weist deutlich krankhafte, ja pathologische Züge auf. Es handelt sich um eine Begegnung, die nicht auf kritischer und historischer Erkenntnis beruht, sondern auf einer Form von Faszination, Passivität und unmittelbarer, ungefilterter Akzeptanz. Aus diesem Grund ziehe ich – im Unterschied zu dem Schriftsteller und Kulturkritiker Jalal Al-e Ahmad, der diesen Zustand zu Beginn der 1960er Jahre als „West-Besessenheit“ (gharbzadegi غرب‌زدگی) bezeichnete – den Begriff „Euromanie“ (غرب‌شیفتگی gharbshiftegi) vor. Dieser Terminus entstammt der fachsprachlichen Literatur der Psychiatrie und verweist präziser auf eine exzessive Bindung sowie auf eine Störung der Urteilskraft.


Meiner Auffassung nach lässt sich die Euromanie in der iranischen Gesellschaft durch drei zentrale Merkmale kennzeichnen:

§  eine exzessive Bindung,

§  eine unkritische Bewunderung

§  einen quasi-zwanghaften Zustand,

der jede epistemische Distanzierung unmöglich macht.
Mehr als zwei Jahrhunderte sind seit unseren ersten Begegnungen mit dem Westen vergangen, doch diese Begegnungen haben niemals zu einem tiefgehenden Verständnis der inneren Logik, der Machtmechanismen und der erkenntnistheoretischen Grundlagen der westlichen Zivilisation geführt. Der Westen wurde nicht als eine historisch vielschichtige, widersprüchliche Totalität wahrgenommen, sondern überwiegend als ein Ensemble fertiger Errungenschaften, Institutionen und konsumierbarer Modelle. In diesem Rahmen blieb insbesondere der innere Zusammenhang von Wissen, Macht, Institution und Subjekt in der westlichen Moderne unbeachtet. Infolgedessen erschöpfte sich unsere Kenntnis des Westens weitgehend in seinen Erscheinungsformen und äußeren Funktionsmechanismen und blieb blind für eine historische Analyse der Produktion von „Wahrheit“, „Rationalität“ und „Normativität“ innerhalb dieser Zivilisation. Der Westen erschien in unserem Denken eher als neutrales, universales Modell denn als ein spezifisches historisches Projekt, das in enger Verflechtung mit Herrschaftsverhältnissen, Disziplinierungsprozessen und der Reproduktion von Macht entstanden ist.

Selbst bedeutende zeitgenössische iranische Intellektuelle sowie religiöse und säkulare Reformdenker blieben von dieser erkenntnistheoretischen Begrenzung nicht verschont. Ihre meist relativ kurzen Aufenthalte im Westen, häufig ohne tiefgehenden Zugang zu dessen philosophischen, historischen und kritischen Traditionen, ermöglichten kein strukturelles und grundlegendes Verständnis der westlichen Moderne. Daher beruhte ein wesentlicher Teil ihrer Auseinandersetzung mit dem Westen weniger auf einer immanenten Kritik der modernen Tradition als vielmehr auf selektiven und teilweise idealisierten Wahrnehmungen.

Bedauerlicherweise wurden diese Deutungen aufgrund der avantgardistischen Rolle dieser Denker im iranischen intellektuellen Feld selbst zu einem maßgeblichen Faktor bei der Ausbreitung der Euromanie in den urbanen Mittelschichten. Diese Schichten begannen allmählich, den Westen nicht mehr als Gegenstand kritischer Erkenntnis, sondern als letztgültigen Maßstab für Rationalität, Fortschritt und sogar Tugend zu betrachten. Das Resultat dieser Haltung war die Fortdauer eines Zustands, in dem die iranische Gesellschaft in politischen, ökonomischen und kulturellen Bereichen einer Form weicher wie harter westlicher Hegemonie ausgesetzt blieb.

Diese zerstörerische Dominanz manifestierte sich einerseits in der Unterwerfung staatlicher Strukturen und in der Erleichterung der Ausbeutung natürlicher und wirtschaftlicher Ressourcen des Landes; andererseits führte sie durch die Rekrutierung und Integration iranischer intellektueller und wissenschaftlicher Eliten in westliche Institutionen – im Kontext von Migration und Brain Drain – zur Reproduktion epistemischer Ungleichheit.

Darüber hinaus bewirkte die Durchsetzung westlicher Lebensformen und Denkmodelle als einzig legitime und rationale Existenzweise eine Entfremdung der Eliten von ihren eigenen sozialen und historischen Kontexten und verstärkte eine strukturelle Selbstentfremdung.

Die Folge dieses Prozesses war die Unfähigkeit der Eliten, wirksame Antworten auf die realen Probleme der Gesellschaft zu geben, sowie das wiederholte Scheitern von Reform-, Entwicklungs- und Emanzipationsprojekten; denn diese Projekte wurden zumeist auf der Grundlage einer Rationalität und Moral konzipiert, die nicht aus dem historischen und kulturellen Kontext der iranischen Gesellschaft hervorgegangen sind.

Aus der Perspektive des Verfassers – der über vier Jahrzehnte in einer der zentralsten westlichen Gesellschaften gelebt, studiert und auf höchsten professionellen Ebenen gearbeitet hat – liegt der Weg zur Befreiung Irans aus dem Zustand umfassender Abhängigkeit und Hegemonie heute weder in einer simplifizierenden Ablehnung des Westens noch in seiner unkritischen Übernahme, sondern in der bewussten und kritischen Überwindung des Phänomens der Euromanie.

In diesem Zusammenhang erscheint die Etablierung und Weiterentwicklung der West-Studien (Occidentalism) als einer kritischen und historischen Wissensdisziplin – in Spannung und zugleich in Korrespondenz mit der Orientalistik – als eine unabdingbare Notwendigkeit. Eine solche West-Forschung kann die philosophischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen sowie die inneren Mechanismen der modernen Zivilisation, ihr Verhältnis zu Macht, Ethik, Rationalität und Tradition sichtbar machen und verhindern, dass der Westen auf ein universales und alternativloses Modell reduziert wird. Richtig konzipiert, vermag dieses Wissen zur Wiedergewinnung epistemischen Selbstvertrauens, zur Erneuerung kollektiver Selbstgewissheit und zur Herausbildung einer kritisch-einheimischen Rationalität beizutragen.

Der Aufstieg Irans auf dem Weg zu Freiheit, Unabhängigkeit, strategischer Selbstbestimmung und nachhaltiger Entwicklung wird ohne die Überwindung dieser kollektiven Pathologie der Euromanie nicht möglich sein.

01/01/2026

« La libération de la Palestine est indissociable de la lutte contre le capitalisme fossile global »
“La liberazione della Palestina è inseparabile dalla lotta contro il capitalismo fossile globale ”
„Die Befreiung Palästinas ist untrennbar vom Kampf gegen den globalen fossilen Kapitalismus“

 María Landi &Francisco Claramunt, Brecha, 10/10/2025
Original español
English version
Traduit par/Tradotto da/Übersetzt von Tlaxcala

« La libération de la Palestine est indissociable de la lutte contre le capitalisme fossile global »

Entretien avec Hamza Hamouchene, chercheur et militant algérien

Coordinateur du programme Afrique du Nord à l’Institut Transnational et auteur de nombreux articles et livres, Hamouchene s’est rendu à Montevideo pour participer à une réunion internationale et a discuté avec Brecha de la cause palestinienne et de ses liens avec la justice climatique et environnementale.

“La liberazione della Palestina è inseparabile dalla lotta contro il capitalismo fossile globale ” 
Intervista a Hamza Hamouchene, ricercatore e attivista algerino

Coordinatore del Programma Nord Africa presso il Transnational Institute e autore di numerosi articoli e libri, Hamouchene ha visitato Montevideo per partecipare a una riunione internazionale e ha conversato con Brecha sulla causa palestinese e i suoi legami con la giustizia climatica e ambientale

„Die Befreiung Palästinas ist untrennbar vom Kampf gegen den globalen fossilen Kapitalismus“
Hamza Hamouchene, algerischer Forscher und Aktivist, im Gespräch

Koordinator des Nordafrika-Programms am Transnational Institute und Autor zahlreicher Artikel und Bücher besuchte Hamouchene Montevideo für ein internationales Treffen und sprach mit Brecha über die palästinensische Sache und ihre Verbindungen zu Klima- und Umweltgerechtigkeit.



12/12/2025

FR -> EN | ES | DE | La stratégie américaine 2025 : un récit pour masquer un changement de centre de gravité
NSS 2025 : Narrative to conceal a shift in the centre of gravity
Relato para ocultar un cambio de centro de gravedad
Erzählung, die eine Verschiebung des strategischen Schwerpunktes überdeckt

 

Fausto Giudice, François Vadrot | 9/12/2025

La stratégie américaine 2025 : un récit pour masquer un changement de centre de gravité

La nouvelle Stratégie nationale de sécurité (NSS) publiée début décembre a été lue comme un retour de la doctrine Monroe, un durcissement trumpiste ou un simple recentrage anti-chinois. En la reprenant à la lettre et en la replaçant dans la séquence du 8–11 octobre, lorsque la Chine a montré qu’elle pouvait remodeler l’équilibre mondial sans tirer un coup de feu, une autre image apparaît : celle d’une puissance qui écrit à l’intérieur d’un ordre déjà structuré par Beijing, où l’hémisphère occidental n’est plus isolable et où l’Europe est traitée comme un risque à encadrer plutôt qu’un levier. La NSS 2025 proclame le « non-interventionnisme sélectif », renonce aux changements de régime, reconnaît implicitement l’emprise matérielle chinoise et requalifie la Russie en facteur de stabilisation continentale. Ce texte n’ordonne plus le monde : il tente de stabiliser un récit alors que le centre de gravité stratégique s’est déplacé hors de portée des USA.

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Translated by Tlaxcala

The 2025 U.S. National Security Strategy: a narrative to conceal a shift in the centre of gravity

The new National Security Strategy (NSS) published in early December has been read as a return of the Monroe Doctrine, a Trumpesque hardening or a simple anti-China refocus. If we take it literally and place it back in the 8–11 October sequence, when China showed it could reshape the global balance without firing a shot, a different picture emerges: that of a power writing inside an order already structured by Beijing, where the Western Hemisphere is no longer isolable and Europe is treated as a risk to be managed rather than a lever. The 2025 NSS proclaims “selective non-interventionism”, renounces regime change operations, implicitly acknowledges China’s material grip and recasts Russia as a factor of continental stabilisation. This text no longer orders the world: it tries to stabilise a narrative at a time when the strategic centre of gravity has moved out of reach of the United States.

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Traducido por Tlaxcala

La estrategia nacional de seguridad 2025 de USA: un relato para ocultar un cambio de centro de gravedad

La nueva Estrategia Nacional de Seguridad (NSS) publicada a principios de diciembre fue leída como el regreso de la doctrina Monroe, un endurecimiento trumpista o un simple recentraje antichino. Si se la toma al pie de la letra y se la recoloca en la secuencia del 8 al 11 de octubre, cuando China demostró que podía remodelar el equilibrio mundial sin disparar un solo tiro, aparece otra imagen: la de una potencia que escribe dentro de un orden ya estructurado por Beijing, donde el hemisferio occidental ya no es aislable y donde Europa es tratada como un riesgo que hay que encuadrar más que como un palanca. La NSS 2025 proclama el “no intervencionismo selectivo”, renuncia a los cambios de régimen, reconoce implícitamente la impronta material china y reclasifica a Rusia como factor de estabilización continental. Este texto ya no ordena el mundo: intenta estabilizar un relato en el momento en que el centro de gravedad estratégico se desplazó fuera del alcance de USA.

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Übersetzt von Tlaxcala

Die US-amerikanische Sicherheitsstrategie 2025: eine Erzählung, die eine Verschiebung des strategischen Schwerpunktes überdeckt

Die neue Nationale Sicherheitsstrategie (NSS), die Anfang Dezember veröffentlicht wurde, ist vielfach als Rückkehr zur Monroe-Doktrin, als trumpistische Verschärfung oder als einfache Neuausrichtung gegen China gelesen worden. Liest man sie jedoch wörtlich – und setzt sie in Beziehung zu der Sequenz vom 8. bis 11. Oktober, als China zeigte, dass es das globale Gleichgewicht verändern kann, ohne einen Schuss abzugeben –, entsteht ein anderes Bild: das einer Macht, die in einem bereits von Peking strukturierten Ordnungsrahmen schreibt, in dem die westliche Hemisphäre nicht mehr isolierbar ist und Europa eher als Risiko zu kontrollieren denn als strategischer Hebel behandelt wird. Die NSS 2025 verkündet einen „selektiven Nichtinterventionismus“, verzichtet auf Regimewechsel, erkennt implizit die materielle Dominanz Chinas an und stuft Russland als Faktor kontinentaler Stabilisierung neu ein. Dieses Dokument ordnet die Welt nicht mehr; es versucht, eine Erzählung zu stabilisieren, obwohl sich der strategische Schwerpunkt bereits außerhalb der Reichweite der USA verschoben hat.

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08/12/2025

Wie der Zionismus der Welt verkauft wurde
Harriet Malinowitz über ihr Buch „Selling Israel: Zionism, Propaganda, and the Uses of Hasbara“

Das neue Buch von Harriet Malinowitz, Selling Israel: Zionism, Propaganda, and the Uses of Hasbara [Israel verkaufen: Zionismus, Propaganda und der Einsatz von Hasbara], zeigt auf, wie israelische Propaganda und Öffentlichkeitsarbeit den Zionismus förderten und gleichzeitig die Unterdrückung und Enteignung der Palästinenser verschleierten.

Eleanor J. Bader, Mondoweiss, 29.11.2025

Übersetzt von Tlaxcala

Eleanor J. Bader ist eine in Brooklyn, New York, ansässige freie Journalistin, die über soziale Fragen und innenpolitische Themen für Truthout, The Progressive, Lilith, In These Times, The Indypendent, Ms. Magazine und Mondoweiss schreibt.

Im Zentrum des neu erschienenen Buches von Harriet Malinowitz stehen eine Reihe drängender Fragen. „Wie konnte eine anfänglich kleine Gruppe osteuropäischer jüdischer Denker und Aktivisten die Juden der Welt davon überzeugen, dass sie ein einziges ‘Volk’ seien, das einer gemeinsamen Bedrohung ausgesetzt sei, einen gemeinsamen Weg zur Rettung teile – und außerdem ein gemeinsames Gebot habe, diesen Weg zu verfolgen?“, fragt sie. „Wie konnten sie den Rest der Welt davon überzeugen, sie als Nation unter den Nationen aufzunehmen? Und wie konnten sie allen Beteiligten – einschließlich sich selbst – einreden, dass ihr Befreiungsprojekt ein wohltätiges, edles und legitimes Unterfangen sei, das keine Opfer und keinen Kollateralschaden verursache?“


Die Antworten auf diese Fragen stehen im Mittelpunkt von Selling Israel. Das Buch untersucht sie nicht nur systematisch, sondern geht auch der Frage nach, wie Hasbara – eine weltweit praktizierte, aber vom israelischen Staat initiierte Propaganda- und PR-Strategie – dazu gedient hat, den Zionismus zu stärken, die Wahrnehmung der Unterdrückung der Palästinenser zu mindern und den Mythos zu verbreiten, der 78 Jahre alte Staat sei als „Land ohne Volk“ entstanden.

Das umfassend recherchierte Werk wurde von Publisher’s Weekly als „eine beeindruckende und sorgfältige Herausforderung etablierter Narrative“ gelobt.

Kurz nach der Veröffentlichung sprach Malinowitz mit der Journalistin Eleanor J. Bader über sich selbst, ihre Forschung und ihre Ergebnisse.

Eleanor J. Bader: Sind Sie mit dem Glauben aufgewachsen, dass Israel für das Überleben der Juden notwendig sei?

Harriet Malinowitz: Tatsächlich bekam ich anfangs nicht das übliche Verkaufsargument über Israel zu hören – dass das Land als sicherer Ort für Juden gegründet worden sei. Was ich stattdessen hörte, war, dass Israel wunderbar sei, weil alle dort Juden seien: die Busfahrer, die Müllmänner, die Lehrer, die Bankangestellten, die Polizisten. Einfach alle!

Bader: Wann begannen Sie, dies in Frage zu stellen?

Malinowitz: Es war ein allmählicher Prozess. Ich reiste 1976 zum ersten Mal mit meiner Mutter und meinem Bruder nach Israel, kehrte 1977 zurück und verbrachte mehrere Monate in einem Kibbuz. Ich besuchte das Land erneut 1982 und 1984.

Als ich acht Jahre alt war, zog meine Tante dorthin. Sie lebte von 1962 bis 1969 in Israel, und wir schrieben uns regelmäßig Briefe. Ihre Briefe enthielten viele Schilderungen aus dem Alltag des Kibbuz.

Mein Hebräischlehrer ließ mich ihre Briefe im Unterricht laut vorlesen und strahlte vor Stolz – bis einer der Briefe damit endete, dass Israel ein großartiges Land zum Besuchen, aber nicht zum Leben sei. Der Brief wurde mir sofort aus der Hand gerissen.

Als meine Tante in die USA zurückkehrte, brachte sie ihren irakisch geborenen Ehemann mit, der zu Recht verbittert darüber war, wie Mizrahi-Juden in Israel von der aschkenasischen Elite behandelt wurden. Er war Ökonom und stieß dort beruflich an eine gläserne Decke. Er war froh, das Land verlassen zu können.

Während meiner Zeit im Kibbuz arbeiteten palästinensische Männer auf den Feldern in der Nähe der Kibbuz-Mitglieder und der internationalen Freiwilligen; doch wenn wir für eine Pause in die sogenannte „Frühstückshütte“ gerufen wurden, sah ich, dass sie einfach weiterarbeiteten. Ich begegnete auch palästinensischen Händlern im Shuk [Hebr. Fürs arab. Suq], dem arabischen Markt in der Altstadt Jerusalems, und trank mit ihnen Tee. So wurde mir klar, dass das, was man mir erzählt hatte – dass alle Menschen in Israel Juden seien – nicht stimmte. Man erklärte mir, sie seien „israelische Araber“, allerdings ohne überzeugende Begründung. Das verwirrte mich völlig. Dennoch war ich überzeugt, dass ich etwas nicht verstanden hatte.

Als ich 1984 in die USA zurückkehrte, engagierte ich mich in Solidaritätsarbeit für Zentralamerika, was mir ein neues Bewusstsein für internationale militärische Unterstützungsstrukturen und für die Propaganda vermittelte, die wir als US-Amerikaner*innen erhielten. Gleichzeitig las ich Lenni Brenners Buch Zionism in the Age of Dictators (1983), das von der Zusammenarbeit der Zionisten mit den Nazis berichtete. Das erschütterte mich tief.

Ich wusste gerade genug, um von der ersten Intifada 1987 begeistert zu sein. Aber während der zweiten Intifada 2002 hatten die Menschen bereits Mobiltelefone, und über das Radio – Democracy Now! – konnte ich in Echtzeit Schüsse in Dschenin hören. Es gab nun Blogs und Mailinglisten, die auf neue Weise Informationen verbreiteten. Doch ich war noch immer naiv genug, um fassungslos zu sein, dass Israel einem UN-Ermittlungsteam den Zugang verweigerte. Das war ein entscheidender Wendepunkt für mich.

Während ich 2004 in Australien war, las ich Ilan Pappés The History of Modern Palestine, um mich auf ein kleines Treffen von Journalistinnen, Akademikerinnen und Aktivistinnen in Sydney vorzubereiten, bei dem Pappé der Ehrengast war. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Abends war für mich, dass das entscheidende Jahr für das Verständnis der Situation tatsächlich 1948 ist und nicht 1967. Eine weitere Einsicht war, dass Veränderungen nicht von innerhalb Israels kommen würden, sondern von den Palästinenserinnen und ihren internationalen Verbündeten. Dieses Treffen hatte einen enormen Einfluss auf mich, und als ich in die USA zurückkehrte, vertiefte ich meine Forschung zur Geschichte Palästinas und des Zionismus und verknüpfte sie schließlich mit meiner bereits fortgeschrittenen Arbeit zur Propaganda. Bald wusste ich, dass ich ein Buch über Zionismus und Propaganda schreiben wollte – aber es dauerte zwanzig Jahre, bis ich das Projekt vollenden konnte.

Bader: Die Vorstellung, dass Gott Israel den Juden versprochen habe, wird kaum infrage gestellt. Warum?

Malinowitz: Ich denke, die Menschen haben Angst davor, die religiösen Überzeugungen anderer anzutasten, insbesondere wenn es um Gott geht. Außerdem glauben viele Menschen tatsächlich an diese Behauptung!

Bader: Sie schreiben, dass Israelis den Holocaust vor den 1960er Jahren selten erwähnten, weil der Verlust von sechs Millionen Juden als Zeichen der Schwäche galt, als ob sie „wie Schafe zur Schlachtbank“ gegangen wären. Gleichzeitig erwähnen Sie, dass David Ben-Gurion den Genozid als eine „nützliche Katastrophe“ betrachtete. Können Sie das erläutern?

Malinowitz: Ich war schockiert darüber, wie stark Holocaustüberlebende in den frühen Jahren des Staates verachtet wurden, als seien sie ein Makel auf der israelischen Männlichkeit, der beseitigt werden müsse. Später allerdings fand ein ideologischer Wandel statt: Das israelische Militär versicherte der Welt, stark, entschlossen und kampfbereit zu sein, doch gleichzeitig konnte der Holocaust angerufen werden, um Israels fortwährende Opferrolle zu betonen und sämtliche Aktionen im Namen der Verhinderung eines neuen Genozids zu rechtfertigen. Ebenso wurde der Holocaust strategisch genutzt, wenn es um internationale Spendensammlungen ging oder darum, Mitleid mit Israel als angeblich bedrängter Nation zu erzeugen.

Bader: Der Zionismus wurde überwiegend von aschkenasischen Juden propagiert, die die Vorstellung eines einheitlichen jüdischen Volkes verbreiteten. Wie konnte sich diese Idee durchsetzen?

Malinowitz: Der Zionismus entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert unter jüdischen Gemeinschaften Osteuropas und Mitteleuropas als Reaktion auf ihre bedrohliche Lage. Es war viel von einem „jüdischen Volk“ die Rede, doch Juden außerhalb Europas wurden erst viel später wahrgenommen – nämlich dann, als man sie zur Bevölkerungsverstärkung benötigte. Für mich ist die Behauptung, Israel repräsentiere alle Juden, ein Trugschluss. Ich zum Beispiel wurde nie gefragt!

Einige Menschen sprechen im Namen anderer – und nutzen sie letztlich. Der Anspruch einer Gruppe, für alle zu sprechen und ein homogenes jüdisches Volk zu verkörpern, ist Propaganda. Es erinnert mich an den weißen Feminismus der 1970er Jahre, als einige wenige Frauen behaupteten, „für alle Frauen“ zu sprechen. Wer hatte sie gewählt?

Bader: Was ist aus dem sozialistischen Impuls geworden, der viele Zionisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts antrieb?

Malinowitz: Bis 1977, als Menachem Begin gewählt wurde und der Likud zur politischen Kraft aufstieg, wurden die Kibbuzim von Aschkenasen dominiert und erhielten erhebliche staatliche Subventionen der damals regierenden Arbeitspartei. Sie waren in Wirklichkeit nicht selbsttragend. In gewisser Weise war ihr „Sozialismus“ eher ideologisch und lebensstilorientiert als wirtschaftlich fundiert – mehr zionistisch als marxistisch. In den 1980er Jahren mussten die Kibbuzim ihre Struktur ändern, um zu überleben, und sich von der Landwirtschaft zur Industrie wenden: Tourismus, Produktion, Immobilienentwicklung, Technologie. Die utopisch-kollektivistische Stimmung war verschwunden.

Bader: Wie hat die gezielt erzeugte Unsicherheit über Ereignisse wie die Nakba von 1948 Israels Propagandaapparat genutzt?

Malinowitz: Zweifel kann eine mächtige Waffe sein. Es gibt ein von der Tabakindustrie entwickeltes Modell, das von Zionisten, Klima- und Holocaustleugnern, Leugnern des armenischen Genozids und anderen übernommen wurde. Das Prinzip lautet, dass es konkurrierende Narrative gebe, die gleichermaßen berücksichtigt werden müssten – anstatt, ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Genau deshalb dauerte es so lange, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Rauchen Krebs verursacht: Die Industrie stellte wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage und präsentierte ihre eigenen „Forschungen“, sodass die Menschen dachten, das Urteil sei noch nicht gefällt, und sie könnten weiterrauchen, bis eine eindeutige Gefahr feststehe. Bei der Leugnung der Nakba funktioniert es genauso. Wenn Zionisten die Palästinenser 1948 nicht wirklich vertrieben haben, tragen sie auch keine Verantwortung für die Flüchtlinge – nicht wahr?


„Arbeiter! Deine Zeitung ist die Folks-tsaytung!” Plakat in Polnisch und Jiddisch. Illustration von H. Cyna. Gedruckt von Blok, Warschau, 1936.


Kinder im Sanatorium Medem versammeln sich um die Folks-tsaytung, die Tageszeitung des Bundes, Międzeszyn, Polen, 1930er Jahre.

Bader: Die Idee, dass Israel für das Überleben der Juden unerlässlich sei, wurde lange als wahr betrachtet. Warum konnten alternative Konzepte zum Zionismus nicht Fuß fassen?

Malinowitz: Assimilation ist eine Alternative, die viele gewählt haben, doch sie untergräbt das zionistische Projekt – und sie zu dämonisieren war daher eine zentrale Aufgabe der Zionisten. Der jüdische Bund in Europa vertrat die Ansicht, dass man gegen alle Formen der Diskriminierung kämpfen und die Arbeiterbewegung ebenso unterstützen müsse wie den Kampf gegen den Antisemitismus. Er lehnte die Gründung eines eigenständigen jüdischen Staates ab. Das hat für mich immer Sinn ergeben. Migration nach Nordamerika oder anderswohin wurde ebenfalls als sinnvolle Alternative angesehen. Es gab kulturelle Zionisten, die glaubten, Palästina könne ein sicherer Zufluchtsort ohne staatliche Souveränität sein.

Der Bund wurde in den Vereinigten Staaten nie wirklich bekannt, und seine Grundsätze setzten sich nicht durch, während der Zionismus an Einfluss gewann. Stattdessen verbreiteten Zionisten die Idee, Israel sei die einzige Lösung für den Antisemitismus – der einzige Weg, wie Juden sicher sein könnten.

Bader: Es gibt viele Mythen über Israel – von der Vorstellung, das Land sei leer gewesen, bis zur Behauptung, die Israelis hätten „die Wüste zum Blühen gebracht“. Wie konnten sich diese Ideen verbreiten?

Malinowitz: Sowohl „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ als auch „sie haben die Wüste zum Blühen gebracht“ sind Werbeslogans, um den Ausdruck des israelischen Exilanten und Antizionisten Moshe Machover zu verwenden. Doch obwohl es sich um groteske Lügen handelt, hielten sich diese Formeln hartnäckig. Es ist wie mit der Idee, Kolumbus habe Amerika „entdeckt“ – man glaubt es, bis man auf Beweise stößt und merkt, wie absurd das ist.

Ich denke zudem, dass Formulierungen wie „die Wüste zum Blühen bringen“ auch deshalb attraktiv sind, weil sie den Israelis fast übernatürliche Fähigkeiten verleihen. Sie lassen sie wie Wundertäter erscheinen und erhöhen sie in der populären Vorstellung. Solange zionistische Anhänger innerhalb der logischen Blase von Organisationen wie dem Jüdischen Nationalfonds, dem Jüdischen Weltkongress, Hillel und Birthright bleiben, erhalten sie eine attraktive Belohnung: ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit.