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06/04/2026
05/04/2026
18/03/2026
Jürgen Habermas: anstelle eines Nachrufs
In den ersten zwei oder drei Vierteln seines Lebens hatte er zu jenem Deutschland gehört, das wir liebten – dem Deutschland der Dichter und Denker –, nur um sein langes Dasein (96 Jahre) auf der Seite der Richter und Henker zu beenden. Jürgen Habermas verstarb am 14. März. Er hatte weder die Zeit noch die Kraft, seine Unterstützung für die Operation „Epic Fury“ / „Silent Holy City“ [sic und resic] zu erklären, die von dem bekannten Henker-Duo gegen das Land entfesselt wurde, das Ibn Sina (Avicenna), Omar Khayyam, Rumi, Al-Ghazali, Suhrawardi, Al-Razi, Al-Farabi, Mulla Sadra und … Ali Schariati hervorbrachte.
Nachdem er zur heiligen Kuh eines selbstgerechten, aber falsch handelnden Deutschlands geworden war, verfasste Habermas kurz nach dem 7. Oktober 2023 einen infamen Text der bedingungslosen Unterstützung für die zionistischen Mörder. Diese ultimative Perversion seiner eigenen „Theorie des kommunikativen Handelns“ brachte ihm eine scharfe Erwiderung eines iranischen Soziologen, eines Professors an der University of Illinois Urbana-Champaign, Asef Bayat, Autor äußerst kreativer Werke über soziale Bewegungen im Maschrek und Maghreb, ein.
Wir geben diesen Brief untenstehend anstelle eines Nachrufs wieder, so wie er zuerst in New Lines Magazine auf Englisch veröffentlicht wurde. Soweit uns bekannt ist, wurde er bis jetzt ins Deutsche nicht übersetzt. FG, Tlaxcala
Jürgen Habermas widerspricht seinen eigenen Ideen, wenn es um Gaza geht
Einer der
einflussreichsten Philosophen der Welt hat sich zum Krieg in Gaza geäußert. Ein
Nahost-Wissenschaftler erklärt ihm, warum er falsch liegt.
Asef Bayat, 8. Dezember 2023
Anmerkung der Redaktion: Jürgen Habermas und Asef Bayat sind herausragende globale Denker. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und werden an Universitäten auf der ganzen Welt gelehrt. Habermas gehört neben den verstorbenen Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse zum Pantheon der legendären Frankfurter Schule der Kritischen Theorie. Doch am bekanntesten ist er vielleicht für seine Ideen zur „Öffentlichkeit“ – einem Bereich, in dem Bürger zusammenkommen, um Angelegenheiten von allgemeinem Interesse zu debattieren und in dem sich die „öffentliche Meinung“ bildet, was er auf Kaffeehäuser und literarische Salons im Europa des 18. Jahrhunderts zurückführt – und als Verteidiger der liberalen Demokratie gegen ihre Kritiker sowohl von links als auch von rechts. Die Herausforderung, die Bayat in diesem offenen Brief formuliert, ist ihm nicht fremd; seine jahrzehntelangen, sehr öffentlichen Debatten und intellektuellen Auseinandersetzungen haben ihn in Deutschland zu einem Begriff gemacht.
Bayat ist ein Soziologe des zeitgenössischen Nahen Ostens, der vor allem für sein Konzept des „Post-Islamismus“ und für seine detailreichen Studien über Straßenpolitik, Alltagsleben und die Frage, wie einfache Menschen den Nahen Osten verändern (der Untertitel seines Buches „Life as Politics“ von 2013), bekannt ist. Habermas ist für seine jüngsten Äußerungen zum Gaza-Krieg vielfach kritisiert worden, aber was diesen offenen Brief auszeichnet, ist seine immanente Kritik: Bayat zeigt auf, wie Habermas es versäumt, seine eigenen Ideen auf den Fall Israel-Palästina anzuwenden. Es ist eine Kritik aus der Logik des Habermas'schen Denkens heraus. Das verleiht ihr eine Kraft, die bei Habermas und seinen Verteidigern nachhallen wird – oder sollte. Es ist mehr eine Einladung als eine Polemik. Es ist der Versuch, ins Gespräch zu kommen, und wir veröffentlichen es hier in der Hoffnung, dass genau das geschieht. – New Lines
Sehr geehrter Herr Professor
Habermas,
Sie werden sich vielleicht
nicht an mich erinnern, aber wir trafen uns im März 1998 in Ägypten. Sie kamen
als angesehener Gastprofessor an die American University in Kairo, um sich mit
Fakultät, Studenten und der Öffentlichkeit auszutauschen. Alle waren begeistert,
Sie zu hören. Ihre Ideen zur Öffentlichkeit, zum rationalen Dialog und zum
demokratischen Leben waren wie ein Hauch frischer Luft in einer Zeit, in der
Islamisten und Autokraten im Nahen Osten die freie Meinungsäußerung unter dem
Deckmantel des „Schutzes des Islam“ erstickten. Ich erinnere mich an ein
angenehmes Gespräch, das wir beim Abendessen im Haus eines Kollegen über Iran
und die religiöse Politik führten. Ich versuchte, Ihnen die Entstehung einer
„post-islamistischen“ Gesellschaft im Iran zu vermitteln, die Sie später auf
Ihrer Reise nach Teheran im Jahr 2002 offenbar selbst erleben konnten, bevor
Sie in Europa über eine „postsäkulare“ Gesellschaft sprachen. Wir in Kairo
sahen in Ihren Kernkonzepten ein großes Potenzial zur Förderung einer transnationalen
Öffentlichkeit und eines interkulturellen Dialogs. Wir haben uns den Kern Ihrer
kommunikativen Philosophie, wie Konsens-Wahrheit durch freie Debatte erreicht
werden kann, zu Herzen genommen.
Nun, etwa 25 Jahre später,
lese ich in Berlin Ihre gemeinsam verfasste Erklärung „Grundsätze der
Solidarität“ zum Gaza-Krieg mit mehr als nur einiger Besorgnis und Bestürzung.
Der Geist der Erklärung ermahnt im Großen und Ganzen jene in Deutschland, die sich
durch Äußerungen oder Proteste gegen die unerbittliche Bombardierung Gazas
durch Israel als Reaktion auf die entsetzlichen Angriffe der Hamas vom 7.
Oktober aussprechen. Sie impliziert, dass diese Kritiken an Israel unerträglich
sind, weil die Unterstützung des Staates Israel ein grundlegender Bestandteil
der deutschen politischen Kultur ist, „für die jüdisches Leben und Israels
Existenzrecht zentrale, besonders schutzwürdige Gehalte sind“. Das Prinzip des
„besonderen Schutzes“ wurzelt in der besonderen deutschen Geschichte, in den
„Massenverbrechen der NS-Zeit“.
Es ist bewundernswert, dass
Sie und die politisch-intellektuelle Klasse Ihres Landes darauf bedacht sind,
die Erinnerung an jenes historische Grauen wachzuhalten, damit ähnliche
Gräueltaten den Juden nicht widerfahren (und ich nehme an und hoffe, auch anderen
Völkern). Aber Ihre Formulierung und Fixierung auf den deutschen Exzeptionalismus
lässt praktisch keinen Raum für Gespräche über Israels Politik und
palästinensische Rechte. Wenn Sie Kritik an „Israels Handlungen“ mit
„antisemitischen Reaktionen“ vermengen, fördern Sie Schweigen und ersticken
Debatten.
10/08/2025
„Diejenigen, die Israel bewaffnen, sind die wahren Antisemiten“: Reaktionen in Israel auf den Merzschen Waffenlieferstopp
Nachstehend zwei Artikel aus der israelischen Tageszeitung Haaretz über die Entscheidung von Bundeskanzler Merz, Lieferungen von Waffen nach Israel zu stoppen, die in Gaza eingesetzt werden könnten. Von Tlaxcala übersetzt
Wie Berlins Waffenembargo wegen Gaza israelische Firmen in Deutschland daran hindern kann, Waffen an Israel zu verkaufen
Oded Yaron, Haaretz, 9.8.2025
Seit Jahrzehnten ist Deutschland nach den USA der zweitgrößte Lieferant von Rüstungsgütern an Israel. Sollte Israel erneut in eine Notlage geraten, in der es Waffen benötigt, könnte es mit leeren Händen dastehen. Die Formulierung des Bundeskanzlers zum Verbot von Waffen für den Einsatz in Gaza könnte Berlin jedoch einen gewissen Spielraum lassen.
Die Entscheidung Deutschlands vom Freitag, Waffenexporte
nach Israel zu beschränken, könnte erhebliche Auswirkungen auf mehrere der
wichtigsten Waffensysteme des israelischen Militärs haben und Israel und seine
Lieferanten dazu zwingen, Ausweichlösungen für die Produktion in Deutschland zu
finden.
Der Schritt könnte auch dazu führen, dass in Deutschland tätige israelische Rüstungsunternehmen,
darunter auch staatliche Unternehmen, keine Waffen mehr an Israel verkaufen
dürfen.
In den letzten Jahrzehnten war Deutschland nach den
Vereinigten Staaten der zweitgrößte Lieferant von Rüstungsgütern an Israel, was
vor allem auf große Aufträge von ThyssenKrupp für U-Boote und Raketenabwehrschiffe zum Schutz der
israelischen Offshore-Gasplattformen zurückzuführen ist.
Laut einer offiziellen Antwort des Bundesministeriums für
Wirtschaft und Energie auf eine Anfrage des Bundestages hat Berlin seit
Kriegsbeginn bis zum 13. Mai 2025 Rüstungsexporte nach Israel im Wert von
insgesamt 481 Millionen Euro genehmigt.
Die Bundesregierung lehnte es ab, konkrete Angaben zu den
gelieferten Waffen und Ausrüstungsgütern zu machen, und nannte stattdessen
allgemeine Kategorien wie Kleinwaffen, Bomben, Raketen, Munition und eine
Vielzahl von Systemen.
Die Erklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz, dass
Deutschland keine Ausfuhr von militärischer Ausrüstung genehmigen werde, die in
den Kämpfen im Gazastreifen eingesetzt werden könnte, lässt Berlin einen
gewissen Handlungsspielraum. So dürfte die Entscheidung beispielsweise keine
Auswirkungen auf U-Boot- oder Schiffsausfuhren haben, obwohl deutsche
Abgeordnete in verschiedenen parlamentarischen Anfragen auf Berichte
hingewiesen haben, wonach Überwasserschiffe an der Gaza-Offensive beteiligt
waren.
Israel ist jedoch auch in anderen Bereichen von
Deutschland abhängig, in denen es schwer zu argumentieren wäre, dass die
Systeme nichts mit den Kämpfen im Gazastreifen zu tun haben. So stellt
beispielsweise das deutsche Unternehmen MTU, eine Tochtergesellschaft des
britischen Rolls-Royce-Konzerns, die Motoren für den Merkava-Panzer, den
gepanzerten Mannschaftstransporter Namer und das neue gepanzerte Kampffahrzeug
Eitan her.
Dies sind kritische Komponenten für die Einsatzfähigkeit
der Panzer- und Infanterieeinheiten der israelischen Streitkräfte. MTU betreibt
auch Werke in Großbritannien und den USA, aber diese Anlagen werden nur für die
Endmontage und Erprobung von Motoren genutzt, sodass Deutschland ein wichtiges
Glied in der Lieferkette bleibt.
Die globale Ausrichtung der Lieferkette könnte Israel
bereits eine Lösung für die deutschen Sanktionen bieten. Denn Israel bezieht
die Motoren für den Namer und den Eitan von einem US-amerikanischen
Unternehmen, Rolls-Royce Solutions America Inc., einer in den USA registrierten
Tochtergesellschaft der Rolls-Royce Group, sodass die Transaktion über die USA
abgewickelt wird.
Die Entscheidung hat keine Auswirkungen auf bestehende
israelische Exportverträge mit Deutschland. Erst letzten Monat gab Elbit einen
Vertrag über die Lieferung von infrarotgesteuerten Raketenabwehrsystemen für
die deutschen A400M-Transportflugzeuge bekannt. Sollte die israelische
Regierung jedoch ihren derzeitigen Kurs in Gaza beibehalten, könnte auch
Deutschland bei künftigen Beschaffungen auf alternative Lieferanten
zurückgreifen. Darüber hinaus könnte jede Entscheidung Deutschlands einen
Dominoeffekt in anderen europäischen Staaten auslösen.
Eine Bedrohung für die Exporte israelischer Unternehmen
nach Israel
Die internationale Zusammenarbeit zwischen israelischen
Rüstungsunternehmen im Ausland und Deutschland hat sich in den ersten Monaten
des Krieges als unverzichtbar erwiesen. Deutschland ist für Israel ein
wichtiger Verbündeter bei der Entwicklung, Produktion und Vermarktung moderner
Waffen, von denen ein Teil für Israel selbst bestimmt ist.
Israel Aerospace Industries, Rafael und Elbit besitzen
alle Tochtergesellschaften in Deutschland und arbeiten mit lokalen Firmen in
verschiedenen Bereichen zusammen. Das bedeutet, dass Israel, sollte es erneut
in eine Notsituation geraten und dringend Lieferungen aus Deutschland
benötigen, wie dies in der Vergangenheit bereits der Fall war, möglicherweise
mit leeren Händen dastehen würde.
Eine der bedeutendsten deutschen Waffenlieferungen an
Israel seit Beginn des Krieges im Gazastreifen war die Lieferung von 3.000 Panzerabwehrraketenwerfern im Jahr 2023. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um
„Matador”-Raketenwerfer (RGW-90 oder die leichteren RGW-60), die in der Zahal
als „Mapatz” bekannt sind und zur Zerstörung von gepanzerten Fahrzeugen,
Bunkern und Militanten in Gebäuden dienen.
Die Abschussgeräte werden von der deutschen Firma Dynamit
Nobel Defence (DND) hergestellt, die vor 20 Jahren von Rafael, dem staatlichen israelischen Rüstungsunternehmen, übernommen wurde. Der Matador wurde von der IDF in den
Jahren der Kämpfe im Gazastreifen und im Libanon häufig eingesetzt.
Rafael hat auch die „Spike”-Familie von
Lenkwaffensystemen entwickelt. Um diese in Europa zu vermarkten, gründete das
Unternehmen Eurospike – ein Joint Venture mit zwei großen deutschen Firmen:
Rheinmetall (40 Prozent Anteil) und Diehl Defence (ebenfalls 40 Prozent). Die
restlichen 20 Prozent hält Ercas B.V., eine in den Niederlanden registrierte
und vom Vereinigten Königreich aus tätige Holdinggesellschaft von Rafael.
Laut deutschen Unternehmensregistern ist Eurospike für
die Vermarktung und den Vertrieb von Spike-Systemen, insbesondere für
europäische Kunden, zuständig und erbringt darüber hinaus Dienstleistungen wie
Projektmanagement und grundlegende Systemtechnik. Spike-Raketen werden
teilweise in Israel und teilweise in Produktionsstätten der deutschen
Partnerunternehmen hergestellt.
Deutschlands Waffenembargo gegen Israel ist kein Verrat,
sondern eine moralische Abrechnung
Gideon Levy, Haaretz, 9.8.2025
Die Bewaffnung Israels, damit es seinen Plan zur
Eroberung des Gazastreifens und zur Durchführung ethnischer Säuberungen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit in diesem Gebiet umsetzen kann, ist eine
der antisemitischsten und antiisraelischsten Maßnahmen, die man sich vorstellen
kann. In dieser Hinsicht ist die Entscheidung der deutschen Regierung, die
Waffenlieferungen an Israel einzustellen, ein mutiges Bekenntnis zu moralischen
Werten und auch zu echter Freundschaft gegenüber Israel.
Deutschland hat angekündigt, die Ausfuhr von
militärischer Ausrüstung, die im Gazastreifen eingesetzt werden könnte, nach
Israel einzustellen. Das
Deutschland nach dem Holocaust musste diese Entscheidung treffen: hätte es
weiterhin Waffen an ein Land geliefert, das Völkermord begeht, hätte dies
bewiesen, dass es nichts aus seiner Vergangenheit gelernt hat.
So wie es seit Jahren klar ist, dass Deutschland sich
nicht gegen Israel aussprechen kann und dass das Land, das den Holocaust
begangen hat, verpflichtet ist, die Sicherheit des aus seiner Asche
entstandenen Staates zu gewährleisten, so klar ist auch, dass Deutschland jeden
Völkermord bekämpfen und schon gar nicht unterstützen darf, selbst wenn der
Täter sein geliebtes Israel ist.
Mit der Verhängung eines teilweisen Waffenembargos gegen
Israel hat Deutschland bewiesen, dass es an der Spitze Europas steht und den
Holocaust und seine Lehren nicht vergisst. Ein Deutschland, das Israel
weiterhin mit Waffen beliefert hätte, wäre wie alle derzeitigen
Waffenlieferanten Israels zu seinem Komplizen beim Völkermord geworden.
Und das darf Deutschland mehr als jedes andere Land der Welt nicht tun.
Alle, die Israel bei der Begehung von Völkermord
unterstützen, erklären damit, dass sie den Staat nicht weniger hassen als
diejenigen, die über seine Taten empört sind. Israel jetzt zu bewaffnen, zeugt
weder von Freundschaft gegenüber dem Staat noch von Sorge um sein Schicksal.
Die Lieferung von Waffen an den Angreifer in einem illegitimen Krieg, der
längst beendet sein sollte und dessen Ziele inzwischen sinnlos und
verbrecherisch sind, bedeutet Mittäterschaft an einem Verbrechen.
Deutschland hat das alte Paradigma auf den Kopf gestellt:
dem heutigen Israel darf keine Hilfe gewährt werden, schon gar nicht Waffen.
Jedes Flugzeug und jede Granate, jedes Raketenschiff und jede Kanone werden nur
noch mehr unschuldige Menschen töten. In dem Moment, in dem der Angriff auf
Gaza aufgehört hat, ein Akt der Selbstverteidigung zu sein, ist er unerträglich
geworden.
Angesichts der unglaublichen Unterstützung durch die
Vereinigten Staaten und der erstaunlichen Ohnmacht der Opposition in Israel
gibt es niemanden, der den Krieg stoppen kann. Europa kann dazu beitragen, ihn
zu beenden, wenn auch nicht sofort.
Aber über den Wunsch hinaus, den Krieg zu beenden, ist
die Lieferung von Waffen an Israel ein Akt der Feindseligkeit gegenüber diesem
Land. Wenn nur die US-Amerikaner das verstehen würden. Deutschland hat die
Macht, den Kurs zu bestimmen: die Sorge um das Schicksal Israels schließt nicht
ein, es zu bewaffnen, um seine wahnsinnigen Pläne in Gaza durchzusetzen.
Anstatt alle Demonstranten gegen Israel und gegen den
Krieg weiterhin als Antisemiten zu betrachten, als zynische und wirksame
Manipulation durch jüdische und israelische Propaganda, sollten wir vielmehr
diejenigen als Antisemiten betrachten, die Israel bewaffnen.
Natürlich gibt es auch Manifestationen von Antisemitismus in
Kreisen, die Israel ablehnen, aber sie sind nicht das Wesentliche. Die meisten
Demonstranten sind Menschen mit Gewissen, die mit Dingen konfrontiert wurden,
mit denen Israelis nicht konfrontiert wurden, und sie können nicht schweigen.
Was kann man von Weltbürgern erwarten, die Bilder von Hunger und Tod sehen?
Werden sie den Tätern zujubeln oder sich gegen sie erheben und sie sogar
hassen?
Die Wertschätzung und Sympathie für Israel werden in
naher Zukunft nicht zurückkehren. Die Welt wird Gaza so schnell nicht
vergessen. Die Tatsache, dass Israel seine Handlungen leugnet und nicht einmal
die geringste Verantwortung übernimmt, wird die Welt nur weiter von ihm
entfernen.
Die Israelis in Europa können weiterhin die Opferkarte
spielen, wenn sie aus Restaurants geworfen werden, aber so verhalten sich
Menschen mit Gewissen, denen etwas wichtig ist. Sie sind keine Antisemiten. Sie
sind sicherlich besser als diejenigen, die Israel dazu drängen, weiterhin
Hunderte von Babys aus der Luft, zu Lande und zu Wasser zu töten und es mit
Waffen auszustatten, die für die Abschlachtung dieser Babys geeignet sind.
29/05/2025
GIDEON LEVY
Deutschlands Unterwerfung zu seiner Vergangenheit hat es viel zu lange zum Schweigen über Gaza gebracht
Gideon Levy, Haaretz 29.5.2025
Übersetzt von Fausto Giudice ,
Tlaxcala
Deutschland hat das Andenken an den Holocaust und seine
Lehren verraten. Ein Land, das es als seine höchste Aufgabe ansah, nicht zu
vergessen, hat vergessen. Ein Land, das sich selbst versprochen hat, niemals zu
schweigen, schweigt. Ein Land, das einst „Nie wieder“ sagte, sagt nun „wieder“,
mit Waffen, mit Geld, mit Schweigen. Kein Land sollte besser darin sein als
Deutschland, „widerliche Prozesse zu erkennen“. Jeder Deutsche weiß viel mehr
darüber als Yair Golan. Hier in Israel sind sie in vollem Gange, doch
Deutschland hat sie noch nicht als das erkannt, was sie sind. Erst kürzlich ist
es zu spät und zu wenig aufgewacht.
Wenn Deutschland den Flaggenmarsch in Jerusalem sieht, muss es die Reichspogromnacht sehen. Wenn es die Parallelen nicht
sieht, verrät es das Andenken an den Holocaust. Wenn es auf Gaza blickt, muss
es die Konzentrationslager und Ghettos sehen, die es gebaut hat. Wenn es
hungrige GazanerInnen sieht, muss es die elenden Überlebenden der Lager sehen.
Wenn es die faschistischen Reden israelischer Minister und anderer
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über Tötung und Bevölkerungstransfer,
über „keine Unschuldigen“ und über das Töten von Babys hört, muss es die
erschreckenden Stimmen aus seiner Vergangenheit hören, die dasselbe auf Deutsch
gesagt haben.
Sie hat kein Recht zu schweigen. Sie muss die Fahne des
europäischen Widerstands gegen das, was im Gazastreifen geschieht, hochhalten.
Doch sie hinkt weiterhin hinter dem Rest Europas hinterher, wenn auch unbequem,
nicht nur wegen ihrer Vergangenheit, sondern auch wegen ihrer indirekten Verantwortung für die Nakba, die ohne den Holocaust wahrscheinlich nicht stattgefunden hätte.
Deutschland hat auch eine teilweise moralische Schuld gegenüber dem
palästinensischen Volk.
Ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten und
Deutschlands hätte es die israelische Besatzung nicht gegeben. Während dieser
ganzen Zeit galt Deutschland als Israels zweitbester Freund. Seine
Unterstützung war bedingungslos
und vorbehaltlos. Jetzt wird Deutschland für seine langen Jahre der strengen Selbstzensur
bezahlen, in denen es verboten war, Israel, das heilige Opfer, zu kritisieren.
Jede Kritik an Israel wurde als Antisemitismus abgestempelt. Der gerechte Kampf für die Rechte der Palästinenser wurde
kriminalisiert. Ein Land, in dem ein großes Medienimperium von seinen
Journalisten als Einstellungsvoraussetzung verlangt, niemals Israels
Existenzrecht in Frage zu stellen, kann nicht behaupten, die Meinungsfreiheit
zu achten. Und wenn Israels derzeitige Politik seine Existenz gefährdet, sollte
es dann nicht erlaubt sein, es zu kritisieren?
In Deutschland ist es schwierig, wenn nicht gar
unmöglich, Israel zu kritisieren, egal was es tut. Das ist keine Freundschaft,
das ist Knechtschaft gegenüber einer Vergangenheit, und das muss angesichts
der Ereignisse in Gaza ein Ende haben. Die „besondere Beziehung“ kann keine
Billigung von Kriegsverbrechen beinhalten. Deutschland hat kein Recht, den
Internationalen Strafgerichtshof, der als Reaktion auf seine Verbrechen
eingerichtet wurde, zu ignorieren, indem es darüber debattiert, wann es einen
wegen Kriegsverbrechen gesuchten israelischen Ministerpräsidenten einladen
soll. Es hat kein Recht, die Klischees der Vergangenheit zu wiederholen und
Blumen in Yad Vashem niederzulegen, 90 Autominuten von Chan Yunis entfernt.
Deutschland steht nun vor seiner schwersten moralischen
Prüfung seit dem Holocaust. Wenige Wochen nach dem Einmarsch Wladimir Putins in
die Ukraine war es Deutschland, das die Sanktionen gegen Russland anführte.
Zwanzig Monate nach der Invasion des Gazastreifens hat Deutschland noch immer
keine Maßnahmen gegen Israel ergriffen, abgesehen von den gleichen
Lippenbekenntnissen wie andere europäische Länder.
Deutschland muss sich ändern, nicht trotz seiner
Vergangenheit, sondern gerade wegen ihr. Es reicht nicht aus, dass
Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, dass die Bombardierung des Gazastreifens
nicht mehr zu rechtfertigen sei. Er muss Maßnahmen ergreifen, um sie zu
stoppen. Es reicht nicht aus, dass Außenminister
Johann Wadephul sagt, dass Deutschland sich nicht „in eine Lage bringen lassen
wird, in der wir Zwangssolidarität zeigen müssen“.
Es ist Zeit, dass Deutschland sich mit den Opfern
solidarisch zeigt und sich von den Fesseln der Vergangenheit befreit, die es
von den Lehren des Holocaust entfremden. Deutschland kann nicht weiter tatenlos
zusehen und sich mit halbherzigen Verurteilungen begnügen. Angesichts der
schrecklichen Lage in Gaza ist dies Schweigen – das beschämende Schweigen
Deutschlands.
18/10/2023
AMIRA HASS
Deutschland, du hast deine Verantwortung schon längst abgetreten
Übersetzt von Fausto Giudice, Tlaxcala
Bundeskanzler Olaf Scholz sagte am vergangenen Donnerstag, dass „das Leid und die Not der Zivilbevölkerung im Gazastreifen nur noch zunehmen werden. Dafür ist auch die Hamas verantwortlich.“ Aber gibt es eine Grenze für diese Zunahme des Leids, wenn man bedenkt, dass Sie und Ihre Kollegen im Westen Israel uneingeschränkt unterstützen?
Das Brandenburger Tor wurde am 7. Oktober in den Farben der israelischen Flagge beleuchtet. Foto: Fabian Sommer /AP
Werden Sie es hinnehmen, dass 2.000 palästinensische Kinder getötet werden? Sind 80.000 ältere Menschen, die an Dehydrierung sterben könnten, weil es in Gaza kein Wasser gibt, in Ihren Augen eine legitime Zunahme des Leidens?
Sie sagten auch: „Unsere eigene Geschichte, unsere aus dem Holocaust erwachsende Verantwortung macht es uns zur immerwährenden Aufgabe, für die Existenz und für die Sicherheit des Staates Israel einzustehen. Diese Verantwortung leitet uns.“ Aber Scholz, es gibt einen Widerspruch zwischen diesem Satz und dem oben zitierten.
„Leid ... wird nur zunehmen“ ist ein Blankoscheck für ein verwundetes, verletztes Israel, um hemmungslos zu pulverisieren und zu zerstören und zu töten, und riskiert, uns alle in einen regionalen Krieg, wenn nicht sogar in einen dritten Weltkrieg zu verwickeln, der auch Israels Sicherheit und Existenz gefährden würde. Aber „Verantwortung aus dem Holocaust“ bedeutet, alles zu tun, um einen Krieg zu verhindern, der zu Katastrophen führt, die wiederum zu Kriegen führen, die das Leid in einem endlosen Kreislauf vergrößern.
Ich habe dies von meinem Vater gelernt, einem Überlebenden der deutschen Viehwaggons. Schon 1992 sagte er mir jedes Mal, wenn ich aus dem Gazastreifen mit Berichten über die Unterdrückung der Bewohner durch Israel zurückkam: „Es ist zwar kein Völkermord, wie wir ihn erlebt haben, aber für uns war er nach fünf oder sechs Jahren vorbei. Für die Palästinenser geht das Leiden weiter und weiter, seit Jahrzehnten. Es ist eine andauernde Nakba“.
Ihr Deutschen habt eure Verantwortung, die „aus dem Holocaust“ - also aus der Ermordung u.a. der Familien meiner Eltern und dem Leid der Überlebenden - erwächst, längst abgetreten. Sie haben sie verraten durch Ihre vorbehaltlose Unterstützung eines Israels, das besetzt, kolonisiert, den Menschen das Wasser wegnimmt, Land stiehlt, zwei Millionen Menschen im Gazastreifen in einem überfüllten Käfig gefangen hält, Häuser abreißt, ganze Gemeinden aus ihren Häusern vertreibt und die Gewalt der Siedler fördert.
Und all dies geschah unter der Schirmherrschaft eines so genannten Friedensabkommens, das Sie und andere westliche Staats- und Regierungschefs befürwortet haben. Sie haben zugelassen, dass Israel diesem Abkommen in seiner europäischen Auslegung zuwiderhandelt - als Weg zur Errichtung eines palästinensischen Staates in den 1967 von Israel besetzten Gebieten, den viele Palästinenser gerade deshalb unterstützten, weil sie weiteres Leid und Blutvergießen verhindern wollten.
Es gibt keinen Mangel an Diplomaten und Mitarbeitern von Entwicklungsorganisationen, die darüber berichtet haben, wie Hunderttausende junger Palästinenser unter Israels arroganter Unterdrückung und dem Töten von Zivilisten - manchmal tropfenweise, manchmal wellenweise - jede Hoffnung und jeden Sinn für ihr Leben verloren haben. Palästinensische Menschenrechtsaktivisten haben immer wieder davor gewarnt, dass Israels Politik nur zu einer Eruption unvorstellbaren Ausmaßes führen kann. Auch israelische und jüdische Anti-Besatzungs-Aktivisten haben Sie gewarnt.
Aber Sie sind auf Ihrem Weg geblieben und haben Israel die Botschaft übermittelt, dass alles in Ordnung sei - dass niemand es bestrafen oder den Israelis durch energische diplomatische und politische Schritte beibringen wird, dass es neben der Besatzung keine Normalität geben kann. Und dann beschuldigen Sie Israels Kritiker des Antisemitismus.
Nein, diese Kolumne ist keine Rechtfertigung für die Mordorgie und den Sadismus, den die bewaffneten Männer der Hamas verübt haben. Sie ist auch keine Rechtfertigung für die schadenfrohe Reaktion einiger Palästinenser und die Weigerung anderer, die in ihrem Namen begangenen Gräueltaten anzusprechen.
Vielmehr ist es ein Aufruf an Sie, die gegenwärtige Kampagne von Tod und Zerstörung zu stoppen, bevor sie eine weitere Katastrophe über Millionen von Israelis, Palästinensern, Libanesen und vielleicht sogar Bewohnern anderer Länder in der Region bringt.
02/07/2021
Presseerklärung der Palästinensischen Gemeinde Deutschland zu Steinmeiers Äußerungen in Israel
PalästinensischeGemeinde Deutschland (PGD) e.V., 1/7/2021
Die Palästinensische Gemeinde Deutschland betrachtet die Erklärungen des deutschen Bundespräsidenten Steinmeiers bei seinem Besuch in Israel als nicht friedenstiftend im Nahost-Konflikt.
In der israelischen Tageszeitung Haaretz antwortete der Bundespräsident am 30.06.21 auf die Frage, ob der internationale Strafgerichtshof seine Zuständigkeit auf den Staat Palästina ausdehnen solle, wie folgt: „Die Position der Bundesregierung ist, dass der internationale Strafgerichtshof in dieser Angelegenheit aufgrund des Fehlens einer palästinensischen Eigenstaatlichkeit nichtzuständig ist“.
Die Palästinensische Gemeinde Deutschland möchte folgendes klarstellen:
1. Die UN- Generalversammlung hat am 29.11.2012 den Antrag der PLO, Palästina als Beobachterstaat innerhalb der UN aufzuwerten, zugestimmt: 138 der 193 Mitgliedsstaaten stimmten für eine Aufwertung des völkerrechtlichen Status der Palästinenser*innen zu einem Beobachterstaat in den Grenzen von 1967, somit in den Grenzen vor dem 6-Tage-Krieg. Dies schließt das Westjordanland, den Gazastreifen und den arabischen Ostteil-Jerusalems mit ein. Deutschland hat die Stimme enthalten. Das gibt Herrn Steinmeier nicht das Recht die Zuständigkeit des Strafgerichtshofs für Palästina abzusprechen. Das ist eine klare Übernahme der israelischen politischen Position.
2. Der Bundespräsident antwortete weiter: „Der palästinensische Staat und die Festlegung territorialer Grenzen können nur durch direkte Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern erreicht werden“.
Wir als palästinensische Gemeinde Deutschland bekommen das Gefühl, dass die politischen Verantwortlichen in Deutschland nur mit einem Auge auf das was seit 28 Jahren in den besetzten palästinensischen Gebieten vor sich geht schauen. Landberaubung, fortdauernder Aufbau von neuen Siedlungen, tägliche Häuserzerstörungen, Verhaftungen (vor allem Kinder und Frauen), ständige Angriffe gegen die Betenden in der Al-Aqsa-Moschee, der Grabeskirche und zuletzt ethnische Säuberungen in den umliegenden Vierteln von Ostjerusalem. Laut dem Slogan der neuen israelischen Regierung sollen diese Gebiete „Araberfrei“ werden und bleiben.
Israel torpediert jede politische Lösung mit ihren Repressalien und der menschenverachtenden Politik. Was sagt Herr Bundespräsident Steinmeier dazu, dass internationale Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) sowie die bekannte israelische Menschenrechtsorganisation B‘tselem Israel als Apartheitsstaat beschreiben?
Die PGD ist der Meinung, dass die Äußerungen von Herrn Steinmeier lediglich die aggressive israelische Politik decken und den Frieden nicht dienlich sein können.
Vorstand der PGD
Berlin, den 01.07.2021
18/05/2021
Nicht in meinem Namen: Die deutsche Staatsräson zum Schutz Israels
Antwort an Armin Laschet
Claudia Karas, 18/5/2021
Berlin (Reuters) - Die deutsche Staatsräson zum Schutz Israels erstreckt
sich nach Worten von Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet nicht nur auf
den Staat, sondern auch auf alle deutschen Staatsbürger.
Guten Tag Herr Laschet, sehr geehrte Damen und Herren aus den Parteien,
vorsorglich verweigere ich die von Ihnen von jedem deutschen Bürger geforderte "Staatsräson" für den Staat Israel.
Meine Lehre aus der deutschen Geschichte ist, meine Stimme gegen Unrecht zu erheben, und gegen Juden- und Menschenhass im Allgemeinen einzutreten mit der Verpflichtung, „dass sich der Holocaust nicht wiederholen dürfe“!
















