In den ersten zwei oder drei Vierteln seines Lebens hatte er zu jenem Deutschland gehört, das wir liebten – dem Deutschland der Dichter und Denker –, nur um sein langes Dasein (96 Jahre) auf der Seite der Richter und Henker zu beenden. Jürgen Habermas verstarb am 14. März. Er hatte weder die Zeit noch die Kraft, seine Unterstützung für die Operation „Epic Fury“ / „Silent Holy City“ [sic und resic] zu erklären, die von dem bekannten Henker-Duo gegen das Land entfesselt wurde, das Ibn Sina (Avicenna), Omar Khayyam, Rumi, Al-Ghazali, Suhrawardi, Al-Razi, Al-Farabi, Mulla Sadra und … Ali Schariati hervorbrachte.
Nachdem er zur heiligen Kuh eines selbstgerechten, aber falsch handelnden Deutschlands geworden war, verfasste Habermas kurz nach dem 7. Oktober 2023 einen infamen Text der bedingungslosen Unterstützung für die zionistischen Mörder. Diese ultimative Perversion seiner eigenen „Theorie des kommunikativen Handelns“ brachte ihm eine scharfe Erwiderung eines iranischen Soziologen, eines Professors an der University of Illinois Urbana-Champaign, Asef Bayat, Autor äußerst kreativer Werke über soziale Bewegungen im Maschrek und Maghreb, ein.
Wir geben diesen Brief untenstehend anstelle eines Nachrufs wieder, so wie er zuerst in New Lines Magazine auf Englisch veröffentlicht wurde. Soweit uns bekannt ist, wurde er bis jetzt ins Deutsche nicht übersetzt. FG, Tlaxcala
Jürgen Habermas widerspricht seinen eigenen Ideen, wenn es um Gaza geht
Einer der
einflussreichsten Philosophen der Welt hat sich zum Krieg in Gaza geäußert. Ein
Nahost-Wissenschaftler erklärt ihm, warum er falsch liegt.
Asef Bayat, 8. Dezember 2023
Anmerkung der Redaktion: Jürgen Habermas und Asef Bayat sind herausragende globale Denker. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und werden an Universitäten auf der ganzen Welt gelehrt. Habermas gehört neben den verstorbenen Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse zum Pantheon der legendären Frankfurter Schule der Kritischen Theorie. Doch am bekanntesten ist er vielleicht für seine Ideen zur „Öffentlichkeit“ – einem Bereich, in dem Bürger zusammenkommen, um Angelegenheiten von allgemeinem Interesse zu debattieren und in dem sich die „öffentliche Meinung“ bildet, was er auf Kaffeehäuser und literarische Salons im Europa des 18. Jahrhunderts zurückführt – und als Verteidiger der liberalen Demokratie gegen ihre Kritiker sowohl von links als auch von rechts. Die Herausforderung, die Bayat in diesem offenen Brief formuliert, ist ihm nicht fremd; seine jahrzehntelangen, sehr öffentlichen Debatten und intellektuellen Auseinandersetzungen haben ihn in Deutschland zu einem Begriff gemacht.
Bayat ist ein Soziologe des zeitgenössischen Nahen Ostens, der vor allem für sein Konzept des „Post-Islamismus“ und für seine detailreichen Studien über Straßenpolitik, Alltagsleben und die Frage, wie einfache Menschen den Nahen Osten verändern (der Untertitel seines Buches „Life as Politics“ von 2013), bekannt ist. Habermas ist für seine jüngsten Äußerungen zum Gaza-Krieg vielfach kritisiert worden, aber was diesen offenen Brief auszeichnet, ist seine immanente Kritik: Bayat zeigt auf, wie Habermas es versäumt, seine eigenen Ideen auf den Fall Israel-Palästina anzuwenden. Es ist eine Kritik aus der Logik des Habermas'schen Denkens heraus. Das verleiht ihr eine Kraft, die bei Habermas und seinen Verteidigern nachhallen wird – oder sollte. Es ist mehr eine Einladung als eine Polemik. Es ist der Versuch, ins Gespräch zu kommen, und wir veröffentlichen es hier in der Hoffnung, dass genau das geschieht. – New Lines
Sehr geehrter Herr Professor
Habermas,
Sie werden sich vielleicht
nicht an mich erinnern, aber wir trafen uns im März 1998 in Ägypten. Sie kamen
als angesehener Gastprofessor an die American University in Kairo, um sich mit
Fakultät, Studenten und der Öffentlichkeit auszutauschen. Alle waren begeistert,
Sie zu hören. Ihre Ideen zur Öffentlichkeit, zum rationalen Dialog und zum
demokratischen Leben waren wie ein Hauch frischer Luft in einer Zeit, in der
Islamisten und Autokraten im Nahen Osten die freie Meinungsäußerung unter dem
Deckmantel des „Schutzes des Islam“ erstickten. Ich erinnere mich an ein
angenehmes Gespräch, das wir beim Abendessen im Haus eines Kollegen über Iran
und die religiöse Politik führten. Ich versuchte, Ihnen die Entstehung einer
„post-islamistischen“ Gesellschaft im Iran zu vermitteln, die Sie später auf
Ihrer Reise nach Teheran im Jahr 2002 offenbar selbst erleben konnten, bevor
Sie in Europa über eine „postsäkulare“ Gesellschaft sprachen. Wir in Kairo
sahen in Ihren Kernkonzepten ein großes Potenzial zur Förderung einer transnationalen
Öffentlichkeit und eines interkulturellen Dialogs. Wir haben uns den Kern Ihrer
kommunikativen Philosophie, wie Konsens-Wahrheit durch freie Debatte erreicht
werden kann, zu Herzen genommen.
Nun, etwa 25 Jahre später,
lese ich in Berlin Ihre gemeinsam verfasste Erklärung „Grundsätze der
Solidarität“ zum Gaza-Krieg mit mehr als nur einiger Besorgnis und Bestürzung.
Der Geist der Erklärung ermahnt im Großen und Ganzen jene in Deutschland, die sich
durch Äußerungen oder Proteste gegen die unerbittliche Bombardierung Gazas
durch Israel als Reaktion auf die entsetzlichen Angriffe der Hamas vom 7.
Oktober aussprechen. Sie impliziert, dass diese Kritiken an Israel unerträglich
sind, weil die Unterstützung des Staates Israel ein grundlegender Bestandteil
der deutschen politischen Kultur ist, „für die jüdisches Leben und Israels
Existenzrecht zentrale, besonders schutzwürdige Gehalte sind“. Das Prinzip des
„besonderen Schutzes“ wurzelt in der besonderen deutschen Geschichte, in den
„Massenverbrechen der NS-Zeit“.
Es ist bewundernswert, dass
Sie und die politisch-intellektuelle Klasse Ihres Landes darauf bedacht sind,
die Erinnerung an jenes historische Grauen wachzuhalten, damit ähnliche
Gräueltaten den Juden nicht widerfahren (und ich nehme an und hoffe, auch anderen
Völkern). Aber Ihre Formulierung und Fixierung auf den deutschen Exzeptionalismus
lässt praktisch keinen Raum für Gespräche über Israels Politik und
palästinensische Rechte. Wenn Sie Kritik an „Israels Handlungen“ mit
„antisemitischen Reaktionen“ vermengen, fördern Sie Schweigen und ersticken
Debatten.
























