Die Art und Weise, wie wir
Iraner· Innen der westlichen Kultur und Zivilisation begegnen, weist deutlich
krankhafte, ja pathologische Züge auf. Es handelt sich um eine Begegnung, die
nicht auf kritischer und historischer Erkenntnis beruht, sondern auf einer Form
von Faszination, Passivität und unmittelbarer, ungefilterter Akzeptanz. Aus
diesem Grund ziehe ich – im Unterschied zu dem Schriftsteller und
Kulturkritiker Jalal Al-e Ahmad, der diesen Zustand zu Beginn der 1960er Jahre
als „West-Besessenheit“ (gharbzadegi غربزدگی)
bezeichnete – den Begriff „Euromanie“ (غربشیفتگی
gharbshiftegi) vor. Dieser
Terminus entstammt der fachsprachlichen Literatur der Psychiatrie und verweist
präziser auf eine exzessive Bindung sowie auf eine Störung der Urteilskraft.
Meiner Auffassung nach lässt sich die Euromanie in der iranischen Gesellschaft durch drei zentrale Merkmale kennzeichnen:
§ eine
exzessive Bindung,
§ eine
unkritische Bewunderung
§ einen
quasi-zwanghaften Zustand,
der jede epistemische
Distanzierung unmöglich macht.
Mehr als zwei Jahrhunderte sind seit unseren ersten Begegnungen mit dem Westen
vergangen, doch diese Begegnungen haben niemals zu einem tiefgehenden
Verständnis der inneren Logik, der Machtmechanismen und der
erkenntnistheoretischen Grundlagen der westlichen Zivilisation geführt. Der
Westen wurde nicht als eine historisch vielschichtige, widersprüchliche
Totalität wahrgenommen, sondern überwiegend als ein Ensemble fertiger
Errungenschaften, Institutionen und konsumierbarer Modelle. In diesem Rahmen
blieb insbesondere der innere Zusammenhang von Wissen, Macht, Institution und
Subjekt in der westlichen Moderne unbeachtet. Infolgedessen erschöpfte sich
unsere Kenntnis des Westens weitgehend in seinen Erscheinungsformen und äußeren
Funktionsmechanismen und blieb blind für eine historische Analyse der
Produktion von „Wahrheit“, „Rationalität“ und „Normativität“ innerhalb dieser
Zivilisation. Der Westen erschien in unserem Denken eher als neutrales,
universales Modell denn als ein spezifisches historisches Projekt, das in enger
Verflechtung mit Herrschaftsverhältnissen, Disziplinierungsprozessen und der
Reproduktion von Macht entstanden ist.
Selbst bedeutende
zeitgenössische iranische Intellektuelle sowie religiöse und säkulare
Reformdenker blieben von dieser erkenntnistheoretischen Begrenzung nicht
verschont. Ihre meist relativ kurzen Aufenthalte im Westen, häufig ohne
tiefgehenden Zugang zu dessen philosophischen, historischen und kritischen
Traditionen, ermöglichten kein strukturelles und grundlegendes Verständnis der
westlichen Moderne. Daher beruhte ein wesentlicher Teil ihrer
Auseinandersetzung mit dem Westen weniger auf einer immanenten Kritik der
modernen Tradition als vielmehr auf selektiven und teilweise idealisierten
Wahrnehmungen.
Bedauerlicherweise wurden
diese Deutungen aufgrund der avantgardistischen Rolle dieser Denker im
iranischen intellektuellen Feld selbst zu einem maßgeblichen Faktor bei der
Ausbreitung der Euromanie in den urbanen Mittelschichten. Diese Schichten
begannen allmählich, den Westen nicht mehr als Gegenstand kritischer
Erkenntnis, sondern als letztgültigen Maßstab für Rationalität, Fortschritt und
sogar Tugend zu betrachten. Das Resultat dieser Haltung war die Fortdauer eines
Zustands, in dem die iranische Gesellschaft in politischen, ökonomischen und
kulturellen Bereichen einer Form weicher wie harter westlicher Hegemonie
ausgesetzt blieb.
Diese zerstörerische
Dominanz manifestierte sich einerseits in der Unterwerfung staatlicher
Strukturen und in der Erleichterung der Ausbeutung natürlicher und
wirtschaftlicher Ressourcen des Landes; andererseits führte sie durch die
Rekrutierung und Integration iranischer intellektueller und wissenschaftlicher
Eliten in westliche Institutionen – im Kontext von Migration und Brain Drain –
zur Reproduktion epistemischer Ungleichheit.
Darüber hinaus bewirkte
die Durchsetzung westlicher Lebensformen und Denkmodelle als einzig legitime
und rationale Existenzweise eine Entfremdung der Eliten von ihren eigenen
sozialen und historischen Kontexten und verstärkte eine strukturelle Selbstentfremdung.
Die Folge dieses Prozesses
war die Unfähigkeit der Eliten, wirksame Antworten auf die realen Probleme der
Gesellschaft zu geben, sowie das wiederholte Scheitern von Reform-,
Entwicklungs- und Emanzipationsprojekten; denn diese Projekte wurden zumeist
auf der Grundlage einer Rationalität und Moral konzipiert, die nicht aus dem
historischen und kulturellen Kontext der iranischen Gesellschaft hervorgegangen
sind.
Aus der Perspektive des
Verfassers – der über vier Jahrzehnte in einer der zentralsten westlichen
Gesellschaften gelebt, studiert und auf höchsten professionellen Ebenen
gearbeitet hat – liegt der Weg zur Befreiung Irans aus dem Zustand umfassender
Abhängigkeit und Hegemonie heute weder in einer simplifizierenden Ablehnung des
Westens noch in seiner unkritischen Übernahme, sondern in der bewussten und
kritischen Überwindung des Phänomens der Euromanie.
In diesem Zusammenhang
erscheint die Etablierung und Weiterentwicklung der West-Studien
(Occidentalism) als einer kritischen und historischen Wissensdisziplin – in
Spannung und zugleich in Korrespondenz mit der Orientalistik – als eine
unabdingbare Notwendigkeit. Eine solche West-Forschung kann die philosophischen
und erkenntnistheoretischen Grundlagen sowie die inneren Mechanismen der
modernen Zivilisation, ihr Verhältnis zu Macht, Ethik, Rationalität und
Tradition sichtbar machen und verhindern, dass der Westen auf ein universales
und alternativloses Modell reduziert wird. Richtig konzipiert, vermag dieses
Wissen zur Wiedergewinnung epistemischen Selbstvertrauens, zur Erneuerung
kollektiver Selbstgewissheit und zur Herausbildung einer kritisch-einheimischen
Rationalität beizutragen.
Der Aufstieg Irans auf dem
Weg zu Freiheit, Unabhängigkeit, strategischer Selbstbestimmung und
nachhaltiger Entwicklung wird ohne die Überwindung dieser kollektiven
Pathologie der Euromanie nicht möglich sein.

