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04/01/2026

Iraner·Innen und die Euromanie als kollektive Pathologie
Eine kritische Lageanalyse von Mostafa Ghahremani

 


Dr. Dr. Mostafa Ghahremani kam nach der iranischen Revolution 1979 nach Deutschland und studierte in Frankfurt Humanmedizin und Zahnheilkunde. Heute arbeitet er als Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie in einer Privatklinik. Als gesellschaftskritischer Aktivist verfolgt er seit Jahren die politische Entwicklung in Iran. Er ist Autor einer Monografie über Sadegh Ghotbzadeh, einen wichtigen, aber oft übersehenen Akteur der iranischen Revolution und späteren Außenminister, der 1982 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

 

Die Art und Weise, wie wir Iraner· Innen der westlichen Kultur und Zivilisation begegnen, weist deutlich krankhafte, ja pathologische Züge auf. Es handelt sich um eine Begegnung, die nicht auf kritischer und historischer Erkenntnis beruht, sondern auf einer Form von Faszination, Passivität und unmittelbarer, ungefilterter Akzeptanz. Aus diesem Grund ziehe ich – im Unterschied zu dem Schriftsteller und Kulturkritiker Jalal Al-e Ahmad, der diesen Zustand zu Beginn der 1960er Jahre als „West-Besessenheit“ (gharbzadegi غرب‌زدگی) bezeichnete – den Begriff „Euromanie“ (غرب‌شیفتگی gharbshiftegi) vor. Dieser Terminus entstammt der fachsprachlichen Literatur der Psychiatrie und verweist präziser auf eine exzessive Bindung sowie auf eine Störung der Urteilskraft.


Meiner Auffassung nach lässt sich die Euromanie in der iranischen Gesellschaft durch drei zentrale Merkmale kennzeichnen:

§  eine exzessive Bindung,

§  eine unkritische Bewunderung

§  einen quasi-zwanghaften Zustand,

der jede epistemische Distanzierung unmöglich macht.
Mehr als zwei Jahrhunderte sind seit unseren ersten Begegnungen mit dem Westen vergangen, doch diese Begegnungen haben niemals zu einem tiefgehenden Verständnis der inneren Logik, der Machtmechanismen und der erkenntnistheoretischen Grundlagen der westlichen Zivilisation geführt. Der Westen wurde nicht als eine historisch vielschichtige, widersprüchliche Totalität wahrgenommen, sondern überwiegend als ein Ensemble fertiger Errungenschaften, Institutionen und konsumierbarer Modelle. In diesem Rahmen blieb insbesondere der innere Zusammenhang von Wissen, Macht, Institution und Subjekt in der westlichen Moderne unbeachtet. Infolgedessen erschöpfte sich unsere Kenntnis des Westens weitgehend in seinen Erscheinungsformen und äußeren Funktionsmechanismen und blieb blind für eine historische Analyse der Produktion von „Wahrheit“, „Rationalität“ und „Normativität“ innerhalb dieser Zivilisation. Der Westen erschien in unserem Denken eher als neutrales, universales Modell denn als ein spezifisches historisches Projekt, das in enger Verflechtung mit Herrschaftsverhältnissen, Disziplinierungsprozessen und der Reproduktion von Macht entstanden ist.

Selbst bedeutende zeitgenössische iranische Intellektuelle sowie religiöse und säkulare Reformdenker blieben von dieser erkenntnistheoretischen Begrenzung nicht verschont. Ihre meist relativ kurzen Aufenthalte im Westen, häufig ohne tiefgehenden Zugang zu dessen philosophischen, historischen und kritischen Traditionen, ermöglichten kein strukturelles und grundlegendes Verständnis der westlichen Moderne. Daher beruhte ein wesentlicher Teil ihrer Auseinandersetzung mit dem Westen weniger auf einer immanenten Kritik der modernen Tradition als vielmehr auf selektiven und teilweise idealisierten Wahrnehmungen.

Bedauerlicherweise wurden diese Deutungen aufgrund der avantgardistischen Rolle dieser Denker im iranischen intellektuellen Feld selbst zu einem maßgeblichen Faktor bei der Ausbreitung der Euromanie in den urbanen Mittelschichten. Diese Schichten begannen allmählich, den Westen nicht mehr als Gegenstand kritischer Erkenntnis, sondern als letztgültigen Maßstab für Rationalität, Fortschritt und sogar Tugend zu betrachten. Das Resultat dieser Haltung war die Fortdauer eines Zustands, in dem die iranische Gesellschaft in politischen, ökonomischen und kulturellen Bereichen einer Form weicher wie harter westlicher Hegemonie ausgesetzt blieb.

Diese zerstörerische Dominanz manifestierte sich einerseits in der Unterwerfung staatlicher Strukturen und in der Erleichterung der Ausbeutung natürlicher und wirtschaftlicher Ressourcen des Landes; andererseits führte sie durch die Rekrutierung und Integration iranischer intellektueller und wissenschaftlicher Eliten in westliche Institutionen – im Kontext von Migration und Brain Drain – zur Reproduktion epistemischer Ungleichheit.

Darüber hinaus bewirkte die Durchsetzung westlicher Lebensformen und Denkmodelle als einzig legitime und rationale Existenzweise eine Entfremdung der Eliten von ihren eigenen sozialen und historischen Kontexten und verstärkte eine strukturelle Selbstentfremdung.

Die Folge dieses Prozesses war die Unfähigkeit der Eliten, wirksame Antworten auf die realen Probleme der Gesellschaft zu geben, sowie das wiederholte Scheitern von Reform-, Entwicklungs- und Emanzipationsprojekten; denn diese Projekte wurden zumeist auf der Grundlage einer Rationalität und Moral konzipiert, die nicht aus dem historischen und kulturellen Kontext der iranischen Gesellschaft hervorgegangen sind.

Aus der Perspektive des Verfassers – der über vier Jahrzehnte in einer der zentralsten westlichen Gesellschaften gelebt, studiert und auf höchsten professionellen Ebenen gearbeitet hat – liegt der Weg zur Befreiung Irans aus dem Zustand umfassender Abhängigkeit und Hegemonie heute weder in einer simplifizierenden Ablehnung des Westens noch in seiner unkritischen Übernahme, sondern in der bewussten und kritischen Überwindung des Phänomens der Euromanie.

In diesem Zusammenhang erscheint die Etablierung und Weiterentwicklung der West-Studien (Occidentalism) als einer kritischen und historischen Wissensdisziplin – in Spannung und zugleich in Korrespondenz mit der Orientalistik – als eine unabdingbare Notwendigkeit. Eine solche West-Forschung kann die philosophischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen sowie die inneren Mechanismen der modernen Zivilisation, ihr Verhältnis zu Macht, Ethik, Rationalität und Tradition sichtbar machen und verhindern, dass der Westen auf ein universales und alternativloses Modell reduziert wird. Richtig konzipiert, vermag dieses Wissen zur Wiedergewinnung epistemischen Selbstvertrauens, zur Erneuerung kollektiver Selbstgewissheit und zur Herausbildung einer kritisch-einheimischen Rationalität beizutragen.

Der Aufstieg Irans auf dem Weg zu Freiheit, Unabhängigkeit, strategischer Selbstbestimmung und nachhaltiger Entwicklung wird ohne die Überwindung dieser kollektiven Pathologie der Euromanie nicht möglich sein.