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18/03/2026

Jürgen Habermas: anstelle eines Nachrufs

In den ersten zwei oder drei Vierteln seines Lebens hatte er zu jenem Deutschland gehört, das wir liebten – dem Deutschland der Dichter und Denker –, nur um sein langes Dasein (96 Jahre) auf der Seite der Richter und Henker zu beenden. Jürgen Habermas verstarb am 14. März. Er hatte weder die Zeit noch die Kraft, seine Unterstützung für die Operation „Epic Fury“ / „Silent Holy City“ [sic und resic] zu erklären, die von dem bekannten Henker-Duo gegen das Land entfesselt wurde, das Ibn Sina (Avicenna), Omar Khayyam, Rumi, Al-Ghazali, Suhrawardi, Al-Razi, Al-Farabi, Mulla Sadra und … Ali Schariati hervorbrachte.

Nachdem er zur heiligen Kuh eines selbstgerechten, aber falsch handelnden Deutschlands geworden war, verfasste Habermas kurz nach dem 7. Oktober 2023 einen infamen Text der bedingungslosen Unterstützung für die zionistischen Mörder. Diese ultimative Perversion seiner eigenen „Theorie des kommunikativen Handelns“ brachte ihm eine scharfe Erwiderung eines iranischen Soziologen, eines Professors an der University of Illinois Urbana-Champaign, Asef Bayat, Autor äußerst kreativer Werke über soziale Bewegungen im Maschrek und Maghreb, ein.

Wir geben diesen Brief untenstehend anstelle eines Nachrufs wieder, so wie er zuerst in New Lines Magazine auf Englisch veröffentlicht wurde. Soweit uns bekannt ist, wurde er bis jetzt ins Deutsche nicht übersetzt. FG, Tlaxcala

Jürgen Habermas widerspricht seinen eigenen Ideen, wenn es um Gaza geht

Einer der einflussreichsten Philosophen der Welt hat sich zum Krieg in Gaza geäußert. Ein Nahost-Wissenschaftler erklärt ihm, warum er falsch liegt.

Asef Bayat8. Dezember 2023


Jürgen Habermas und Asef Bayat. Foto Louisa Gouliamaki/AFP via Getty Images

Anmerkung der Redaktion: Jürgen Habermas und Asef Bayat sind herausragende globale Denker. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und werden an Universitäten auf der ganzen Welt gelehrt. Habermas gehört neben den verstorbenen Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse zum Pantheon der legendären Frankfurter Schule der Kritischen Theorie. Doch am bekanntesten ist er vielleicht für seine Ideen zur „Öffentlichkeit“ – einem Bereich, in dem Bürger zusammenkommen, um Angelegenheiten von allgemeinem Interesse zu debattieren und in dem sich die „öffentliche Meinung“ bildet, was er auf Kaffeehäuser und literarische Salons im Europa des 18. Jahrhunderts zurückführt – und als Verteidiger der liberalen Demokratie gegen ihre Kritiker sowohl von links als auch von rechts. Die Herausforderung, die Bayat in diesem offenen Brief formuliert, ist ihm nicht fremd; seine jahrzehntelangen, sehr öffentlichen Debatten und intellektuellen Auseinandersetzungen haben ihn in Deutschland zu einem Begriff gemacht.

Bayat ist ein Soziologe des zeitgenössischen Nahen Ostens, der vor allem für sein Konzept des „Post-Islamismus“ und für seine detailreichen Studien über Straßenpolitik, Alltagsleben und die Frage, wie einfache Menschen den Nahen Osten verändern (der Untertitel seines Buches „Life as Politics“ von 2013), bekannt ist. Habermas ist für seine jüngsten Äußerungen zum Gaza-Krieg vielfach kritisiert worden, aber was diesen offenen Brief auszeichnet, ist seine immanente Kritik: Bayat zeigt auf, wie Habermas es versäumt, seine eigenen Ideen auf den Fall Israel-Palästina anzuwenden. Es ist eine Kritik aus der Logik des Habermas'schen Denkens heraus. Das verleiht ihr eine Kraft, die bei Habermas und seinen Verteidigern nachhallen wird – oder sollte. Es ist mehr eine Einladung als eine Polemik. Es ist der Versuch, ins Gespräch zu kommen, und wir veröffentlichen es hier in der Hoffnung, dass genau das geschieht. – New Lines 

Sehr geehrter Herr Professor Habermas,

Sie werden sich vielleicht nicht an mich erinnern, aber wir trafen uns im März 1998 in Ägypten. Sie kamen als angesehener Gastprofessor an die American University in Kairo, um sich mit Fakultät, Studenten und der Öffentlichkeit auszutauschen. Alle waren begeistert, Sie zu hören. Ihre Ideen zur Öffentlichkeit, zum rationalen Dialog und zum demokratischen Leben waren wie ein Hauch frischer Luft in einer Zeit, in der Islamisten und Autokraten im Nahen Osten die freie Meinungsäußerung unter dem Deckmantel des „Schutzes des Islam“ erstickten. Ich erinnere mich an ein angenehmes Gespräch, das wir beim Abendessen im Haus eines Kollegen über Iran und die religiöse Politik führten. Ich versuchte, Ihnen die Entstehung einer „post-islamistischen“ Gesellschaft im Iran zu vermitteln, die Sie später auf Ihrer Reise nach Teheran im Jahr 2002 offenbar selbst erleben konnten, bevor Sie in Europa über eine „postsäkulare“ Gesellschaft sprachen. Wir in Kairo sahen in Ihren Kernkonzepten ein großes Potenzial zur Förderung einer transnationalen Öffentlichkeit und eines interkulturellen Dialogs. Wir haben uns den Kern Ihrer kommunikativen Philosophie, wie Konsens-Wahrheit durch freie Debatte erreicht werden kann, zu Herzen genommen.

Nun, etwa 25 Jahre später, lese ich in Berlin Ihre gemeinsam verfasste Erklärung „Grundsätze der Solidarität“ zum Gaza-Krieg mit mehr als nur einiger Besorgnis und Bestürzung. Der Geist der Erklärung ermahnt im Großen und Ganzen jene in Deutschland, die sich durch Äußerungen oder Proteste gegen die unerbittliche Bombardierung Gazas durch Israel als Reaktion auf die entsetzlichen Angriffe der Hamas vom 7. Oktober aussprechen. Sie impliziert, dass diese Kritiken an Israel unerträglich sind, weil die Unterstützung des Staates Israel ein grundlegender Bestandteil der deutschen politischen Kultur ist, „für die jüdisches Leben und Israels Existenzrecht zentrale, besonders schutzwürdige Gehalte sind“. Das Prinzip des „besonderen Schutzes“ wurzelt in der besonderen deutschen Geschichte, in den „Massenverbrechen der NS-Zeit“.

Es ist bewundernswert, dass Sie und die politisch-intellektuelle Klasse Ihres Landes darauf bedacht sind, die Erinnerung an jenes historische Grauen wachzuhalten, damit ähnliche Gräueltaten den Juden nicht widerfahren (und ich nehme an und hoffe, auch anderen Völkern). Aber Ihre Formulierung und Fixierung auf den deutschen Exzeptionalismus lässt praktisch keinen Raum für Gespräche über Israels Politik und palästinensische Rechte. Wenn Sie Kritik an „Israels Handlungen“ mit „antisemitischen Reaktionen“ vermengen, fördern Sie Schweigen und ersticken Debatten.

13/03/2026

Normalisiertes Trauma, traumatisierte Normalität: die Palästinaausstellung „Kalanlar Filistin“ in Istanbul

Am 30. März 2026 schließt die Solidaritätsausstellung „Kalanlar Filistin“ [Was von Palästina übrigbleibt] nach drei Monaten in Istanbul Harbiye ihre Tore. Milena Rampoldi von ProMosaik hat diese Ausstellung für uns besucht und berichtet von ihren Eindrücken.

 Milena Rampoldi, 14.3.2026

Auf den ersten Blick würde man diese Ausstellung des türkischen Kulturvereins Kalyon Kültür als die Erzählung der zionistischen Zerstörung des palästinensischen Lebens (Familie, Schule, Kindheit, Kultur) und somit als materielle Präsentation des zionistischen Völkermordes betrachten. Aber was hier wirklich zählt, wenn man sich mitten in der Ausstellung befindet und sie miterlebt, ist nicht die brutale Zerstörung, die man an der Oberfläche wahrnimmt, sondern das, was „übrig“ bleibt und nach der Zerstörung weiterlebt.



Es geht um all das, was der Zionismus nicht treffen kann, und zwar um die Seele, den Widerstand und die Menschlichkeit. In der Tat lautet der Titel dieser innovativen Ausstellung, die irgendwie die klassische Museumspädagogik und ihre dialektischen Paradigmen völlig auf den Kopf stellt, in deutscher Übersetzung „Überreste von Palästina“.

Was nach den Bombenanschlägen und Luftangriffen des israelischen Militärs, des Symbols und Wesens des Neukolonialismus im Nahen Osten, bleibt und noch steht, sind menschliche Würde, der Geist des Widerstands und die palästinensische Menschlichkeit eines unterdrückten Volkes, das aber keinesfalls das Opfer dieser Zerstörung ist.



Der Zuschauer tritt in einen empathischen Dialog mit der Kriegsrealität Palästinas, die in den Räumlichkeiten der Ausstellung „nachgebaut“ wird. Der Zuschauer verliert jegliche Distanz, seine Empathie ist das Ergebnis der Aufhebung jeglicher Dialektik zwischen seinem sicheren und stabilen Dasein im Harbiye-Viertel von Istanbul und dem Völkermord von Gaza. Er ist aber nicht da, um Palästina als Objekt im Sinne Edward Saids wahrzunehmen und als Gutmensch zu bemitleiden, sondern um als Zeuge für Palästina aufzutreten und die Ausstellung als Zeuge zu verlassen.

Wie die Zeugenaussage im Koran, so ist auch das Zeugnis eines geschichtlichen Ereignisses kein Recht, sondern eine Verpflichtung. Und diese Verpflichtung führt zu einer ethischen Verantwortung. Der Zuschauer interagiert mit der Zerstörung und kommt aus seiner Verantwortungsnummer nicht mehr heraus. Denn die Verpflichtung, sich für Palästina einzusetzen, ist keine Wahl eines sonnigen Tages in Harbiye, sondern die ethische Verpflichtung eines Lebens als ethisch denkender, bezeugender und handelnder Mensch. Wie es auf der Webseite der Ausstellung so schön heißt:

„Diese Ausstellung ist kein Besuch; sie ist eine Haltung.“

Was nach der zionistischen Zerstörung übrigbleibt, ist das ontologische „Überbleibsel“, der Rest, der sich der ontologischen Brutalität widersetzt.

„Zerstörung ist hier kein Augenblick, sondern eine Struktur, die Kontinuität erlangt hat; Trauma ist die neue Form des Alltags.“

Das Trauma wird in Palästina zur Normalität. Das palästinensische Leben in Gaza ist das Überbleibsel dieser traumatisierten Normalität. Das Trauma ist aber nun auch ein Alltagsaspekt des Zuschauers, der sich in einen verantwortungsbewussten Mitwisser/Zeugen fürs Leben verwandelt hat.

„Die Betrachter sind nicht zu emotionaler Erleichterung, sondern zu einer ethischen Auseinandersetzung eingeladen. Hier wird nicht Mitgefühl, sondern Zeugnis erwartet. Denn Zeugnis schafft Verantwortung.“

Es geht nicht um die Katharsis des Zuschauers, wie bei einer griechischen Tragödie, sondern um das unbequeme Wissen um den zionistischen Völkermord in Gaza.

Was zurückbleibt, sind schweigende Menschen und stille Objekte, die als Zeugen der Zerstörung unbeweglich an ihrer Stelle bleiben. Dies sieht man im Besondern in den Räumen, in denen die Küche, die Schulklasse und das palästinensische Heim nach den israelischen Bombenanschlägen gezeigt werden. Die materiellen Überbleibsel, ein Stück Mauer, ein leerer Topf, eine Schulbank, eine Tafel…, schweigen.



Die ersten Opfer sind immer die Kinder. Denn der zionistische Völkermord ist vor allem ein Kindervölkermord. Daher ist auch die Figur von Hanzala zentral in dieser Ausstellung.

Hanzala ist die berühmte Cartoonfigur des palästinensischen Zeichners Nadschi al-Ali aus dem Jahre 1969, die sehr starke autobiografische Züge aufweist. Die ermordeten Kinder von Gaza und die Kinder, die wie der Karikaturist selbst, zu überlebenden Flüchtlingen wurden, sind das Symbol des Zeugnisses, das bleibt und der brutalen Zerstörung trotzt.

„Was hier zu sehen ist, ist kein Verlust, sondern unwiederbringliche Zeit.“

„Der Stacheldraht im Zentrum der Installation verwandelt die Grenze von einer geografischen Linie in eine dauerhafte, in Körper und Erinnerung eingeprägte Erfahrung. Diese Installation ist nicht als ästhetische Komposition konzipiert; sie will den Betrachter unmittelbar die Unterbrechung zwischen Heute und Gestern und deren ethische Tragweite spüren lassen. Das Werk ruft zum Beobachten auf, nicht zum Mitleid.“

Das Trauma ist, wie bereits erwähnt, die Normalität. Der Krieg ist die Kontinuität und das Labyrinth der Ausstellung ist die konstante Realität. Der Zuschauer geht in das Labyrinth. Er bleibt dort freiwillig gefangen und erlebt die Dunkelheit der Gefangenheit akustisch als eine permanente Erfahrung. Die Kinder lehren akustisch und visuell den Krieg. Die Schreie der Kinder prägen sich im Kopf und in der Seele des Zeugenzuschauers ein. Gleichzeitig beleuchtet die Führung der Ausstellung die verschiedenen Sätze auf den grauen Wänden des Labyrinths. Gewalt und Brutalität werden zum Alltag und sind keine Ausnahmen. Aus diesem Labyrinth flieht man nicht, man bleibt, hört zu und lernt schmerzvoll den Widerstand, der dann als Echo bleibt, nachdem man die Ausstellung verlassen hat.

Wenn die Bomben schlafen, können auch wir schlafen

Gibt es im Paradies Schokolade?

Allah ist mit uns

„Was hier geschieht, ist keine Abweichung, sondern die Ordnung selbst.“

Der Zuschauer kommt aus der Nummer nicht mehr raus. Das ist kein Fluchtraum, das ist sein Zeugnis von Palästina, der zionistischen Kolonie des Nahen Ostens der Kinder wie Hanzala.



Der andere Raum, in dem die Namen der Märtyrer gelesen werden, erfüllt dieselbe Funktion. Auch hier flieht der Zeuge nicht, sondern bleibt. Die Dialektik zwischen Zeugnis und Zeuge wird aufgehoben. Wir befinden uns im post-dialektischen Raum der Antwort der Palästinenser auf den zionistischen Staat und seine überholte Dialektik.

28/10/2025

Junge AutorInnen von Palestine Nexus in Gaza reflektieren über zwei Jahre Völkermord


Zachary Foster, Palestine Nexus, 16.10.2025

Übersetzt von Tlaxcala

Jaydaa Kamal, Dalal Sabbah, Hani Qarmoot und Rama Hussain AbuAmra (von links nach rechts)

Das palästinensische Volk in Gaza hat zwei Jahre des Völkermords überlebt. Und doch, trotz der andauernden Vertreibungen, der Hungerkampagne und der Massenmorde, weigerten sich Gazas junge AutorInnen zu schweigen. Sie berichteten über ihre ausgehungerten Körper, ihre Nahtoderfahrungen und den Kampf, Nahrung, Medizin, Wasser und Unterkunft zu finden. Sie reisen stundenlang, um eine Internetverbindung zu finden, schreiben mit leerem Magen, während sie ihre Familien unterstützen und anderen helfen, denen es noch schlechter geht. Sie riskieren täglich ihr Leben, um Palästinas Geschichten der Welt zu erzählen, und wir werden für immer ihre Tapferkeit und Widerstandskraft bewundern. Hier sind einige ihrer Reflexionen über die letzten zwei Jahre.
Dr. Zachary Foster, Gründer von Palestine Nexus

Hani Qarmoot, 22, Journalist und Geschichtenerzähler aus dem Lager Jabalia
„Während der zwei Jahre des Völkermords war jeder Tag geprägt von Hunger, Vertreibung, Blutvergießen und dem Klang von Explosionen. Um unserer eigenen Existenz willen, für das Fortbestehen unserer Geschichten und die Anerkennung unseres Leidens und unseres Lachens schreibe ich im Dunkeln. Obwohl ich Freunde, Kollegen, Lehrer und geliebte Menschen verloren habe, tragen mich ihre Erinnerungen weiter. Das Lachen eines Kindes, die Nachricht eines Freundes oder die Stille zwischen den Explosionen – all das gibt mir Leben. Schreiben ist ein stiller Akt des Widerstands, der zeigt, dass wir noch leben. Unsere Worte sind unser Schild, und unsere Stimme wird niemals verstummen.“
Hani Qarmoot

Rama Hussain AbuAmra, 23, Schriftstellerin und Übersetzerin aus Gaza-Stadt
„Ich kämpfe immer noch mit dem Glauben, dass dieser Völkermord vielleicht wirklich zu Ende geht. Zwei Jahre lang lebten wir in einem Albtraum, der jede Spur von Liebe, Sicherheit und Freude raubte. Uns wurden unsere Häuser, unsere Erinnerungen und die Menschen, die wir lieben, genommen. Jeder Moment war von Angst erfüllt – Angst, uns selbst zu verlieren, Angst, die zu verlieren, die wir lieben.
Eine Nacht verfolgt mich mehr als jede andere: die des 10. Oktober 2023. Um 1:30 Uhr kam ein Anruf, der uns warnte, unser Gebäude zu evakuieren, bevor es bombardiert und zu Schutt gemacht würde. Wie passt ein ganzes Leben in eine einzige Tasche? Meine Kindheit, meine Bücher, meine Lieblingskleider, die Ecke, die ich bei Sonnenauf- und -untergang liebte – alles blieb zurück. Wir rannten atemlos zu einem nahegelegenen Krankenhaus und warteten auf das Unbekannte. Dann kam das Getöse der Explosion, die unser Zuhause und unsere Herzen zerriss. Am nächsten Tag flohen wir nach Al-Zawaida im Süden von Gaza, nur um ein weiteres Grauen zu erleben: 25 Seelen aus einer einzigen Familie ausgelöscht. Rauch füllte unsere Lungen, Glas regnete herab, und Blut bedeckte den Boden. Ich sehe immer noch die Asche, die zerbrochenen Fenster, die verstreuten Gliedmaßen.
Wir haben überlebt, irgendwie. Aber die Narben bleiben. Und jetzt warten wir, nicht in Frieden, sondern in zerbrechlicher Hoffnung.“
Rama Hussain AbuAmra


Dalal Sabbah, 20, Studentin der englischen Übersetzung aus Rafah
„In den letzten zwei Jahren habe ich mich der Herausforderung gestellt, das Leben in Gaza zu dokumentieren, um sicherzustellen, dass unsere Geschichten die Welt jenseits der Trümmer und der Stille erreichen. Jeder Tag war eine Prüfung der Ausdauer, doch ich blieb standhaft, weil diese Geschichten es verdienen, erzählt zu werden.
Trotz wiederholter Vertreibung, Erschöpfung, ständiger Angst und der Nähe des Todes; trotz des Verlusts vieler Familienmitglieder musste ich weiterschreiben, um diese Momente festzuhalten und das Andenken an jene zu ehren, die wir verloren haben. Schreiben wurde mehr als ein Beruf; es wurde zu einem stillen Schrei aus dem Herzen an die Welt, ein Zeugnis von Leben, die dem Tod trotzen, und ein Beweis, dass unsere Stimmen nicht im Rauch und den Trümmern verschwinden werden.
Selbst wenn die Verzweiflung auf mir lastet, mache ich weiter. Ich schreibe, spreche, bezeuge, weil es meine Pflicht ist – gegenüber meinem Volk, meiner Heimat, Palästina.
Und was auch immer geschieht, Palästina ist frei, vom Fluss bis zum Meer.“
Dalal Sabbah

Khaled Al-Qershali, 22, freier Journalist aus Al-Nasser

„Obwohl der Völkermord der israelischen Besatzung beendet ist und ich überlebt habe, wird mir nichts von dem, was mir genommen wurde, jemals zurückgegeben werden. Ich habe zwei liebe Freunde verloren, Mohammed Hamo und Abdullah Al-Khaldi, zusammen mit meinem Zuhause und dem Leben, das ich vor dem 7. Oktober 2023 kannte.
Seit diesem Tag wurde das Leben, wie ich es kannte, zerstört. Die letzten zwei Jahre waren geprägt von Vertreibung, Hunger, Angst und ständiger Verlust.
Ich hoffe, dass der Waffenstillstand hält, aber ich finde es schwer, daran zu glauben. Während des letzten Waffenstillstands im Januar kehrten mein Großvater und meine Onkel nach Gaza zurück, um ihr Leben aus den Trümmern wieder aufzubauen. Aber es war eine Falle: Der Völkermord begann erneut, und alles, was sie wieder aufgebaut hatten, war verloren.“
Khaled Al-Qershali

Ghaydaa Kamal, 23, Journalistin und Übersetzerin aus Khan Yunis
„Jede Geschichte, die ich schreibe, fühlt sich wie ein Überlebenskampf an. Ich habe aus den Ruinen geschrieben, aus Zelten, aus Orten, an denen Strom und Internet Wunder sind. Manchmal bin ich stundenlang unter der brennenden Sonne gelaufen, weil der Transport zu teuer war und weil Schweigen keine Option war.
Mein Laptop trägt den Staub meines zerstörten Hauses. Ich habe ihn nach einem Luftangriff unter den Trümmern hervorgezogen, mit zitternden Händen gereinigt und wiederbelebt. Er ist eingefroren, abgestürzt, hat mich oft im Stich gelassen, und doch überlebt er weiter, so wie ich.
Ich habe durch Hunger, Erschöpfung und Angst geschrieben und dokumentiert, was es bedeutet, unter ständigen Bombardierungen zu leben und zu arbeiten. Es gab Momente, in denen ich dem Tod um Minuten entkam.
Aber ich schreibe weiter, denn wenn ich aufhöre, werden sie gewinnen, nicht nur, indem sie uns töten, sondern indem sie unsere Geschichten auslöschen.“
Ghaydaa Kamal

 

  

23/10/2025

Israels Regierung rühmt sich des Sadismus, des Missbrauchs und der Folter

Gideon Levy, Haaretz, 23.10.2025
Übersetzt von Tlaxcala

Anm. d. Übers.: Da wir es satthaben, dass das Wort „Geiseln” zur Bezeichnung der am 7. Oktober gefangengenommenen Israelis ständig verwendet und missbraucht wird, haben wir uns entschieden, diesen Begriff durch „Entführte” zu ersetzen.

Die Rückkehr der Entführten  hat die allen bekannte Wahrheit offenbart: Israels schlechte Behandlung palästinensischer Gefangener verschlimmerte die Bedingungen der in Gaza festgehaltenen Israelis. Es ist nun klar, dass das Böse seinen Preis hatte.

Nadav Eyal berichtete am Mittwoch in Yediot Aharonot, dass der Sicherheitsdienst Schin Bet bereits Ende 2024 gewarnt habe, dass die Äußerungen des Ministers für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir die bereits schrecklichen Bedingungen, denen die Entführten  ausgesetzt waren, verschärften — und niemand habe sich darum gekümmert.


Palästinensische Gefangene, die auf ihre Freilassung im Gefängnis Ofer warten. Bild: Tali Meir

Jedes Mal, wenn Ben-Gvir sich mit den Misshandlungen brüstete, die er anordnete — über die sich der Journalist Yossi Eli in seinen sadistischen Reportagen auf Channel 13 über die Vorgänge in israelischen Gefängnissen ergötzte —, kam die Vergeltung aus den Tunneln.

„Wir werden kämpfen“: Kann die israelische Filmindustrie Boykotten und der Regierung Netanjahu standhalten?
Es ist unangenehm, israelisches Unrecht einzugestehen. Aber warum mussten wir zuerst von der Vergeltung der palästinensischen Entführer erfahren, um über die Bosheit der israelischen Entführer entsetzt zu sein? Was im Gefängnis Sde Teiman geschah (und weiterhin geschieht), war eine Schande, unabhängig vom furchtbaren Leiden, das es den Entführten  zufügte.


Der Eingang zur Militärbasis und Haftanstalt Sde Teiman. Bild: Eliyahu Hershkovitz

Es ist beschämend, dass der Missbrauch der Entführten  nötig war, um Empörung über Israels Behandlung seiner palästinensischen Gefangenen auszulösen, einschließlich der Schlagzeile von Yediot Aharonot am Mittwoch, die sich bisher kaum dafür interessiert hatte, was Israel tut.

Die britische Zeitung The Guardian berichtete diese Woche, dass mindestens 135 verstümmelte und zerstückelte Leichen nach Gaza zurückgebracht wurden. Neben jedem der verstümmelten Leichen fanden sich Zettel, die darauf hinwiesen, dass sie in Sde Teiman festgehalten worden waren. Auf vielen der Bilder war zu sehen, dass ihre Hände auf dem Rücken gebunden waren.

Nicht wenige wiesen Anzeichen von Folter auf, darunter Tod durch Erwürgen, von einem Panzer überfahren zu werden und andere Mittel. Es ist unklar, wie viele nach ihrer Festnahme getötet wurden. Sde Teiman war ein Sammelpunkt für Palästinenser, die an anderen Orten getötet wurden.

Der Palästinensische Gefangenenclub berichtet, dass etwa 80 palästinensische Häftlinge, die im Gefängnis getötet wurden, die Wahrheit unterschätzt haben könnten. The Guardian sah nur einige der Leichen und bestätigte die Anzeichen von Misshandlungen, sagte aber, sie könnten aufgrund ihres Zustands nicht veröffentlicht werden. Der Körper des 34-jährigen Mahmoud Shabat wies Anzeichen auf, dass er aufgehängt worden war. Seine Beine waren von einem Panzer zerdrückt worden, und seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt. „Wo ist die Welt?“ fragte seine Mutter.

Die Lage der lebenden Palästinenser, die freigelassen wurden, ist kaum besser. Viele konnten bei ihrer Freilassung kaum stehen, ein Fakt, der in den israelischen Medien kaum behandelt wurde.

Dr. Ahmed Muhanna, Direktor des Al-Awda-Krankenhauses in Jabaliya, der im Dezember 2023 weggebracht und während des Waffenstillstands freigelassen worden war, sagte diese Woche, er sei während seiner Inhaftierung von Ort zu Ort gebracht worden, darunter an einen Ort, den er als „Zwinger“ bezeichnete, wo Soldaten ihn mit furchterregenden Hunden misshandelten.

Das abgemagerte Erscheinungsbild des Arztes ließ keinen Zweifel an den Bedingungen seiner Haft. Israel hält 19 weitere Ärzte aus Gaza unter ähnlichen Bedingungen fest.

Wir sollten uns an die Bedingungen erinnern, unter denen Adolf Eichmann festgehalten wurde. Niemand misshandelte ihn körperlich, bevor er auf richterliche Anordnung hingerichtet wurde.

Freigelassene palästinensische Gefangene tragen Gewehre, als sie nach ihrer Freilassung aus israelischen Gefängnissen in den Gazastreifen zurückkehren, nach einer Waffenstillstandsvereinbarung zwischen der Hamas und Israel, vor dem Nasser-Krankenhaus in Khan Younis im Süden des Gazastreifens im Oktober. Bild: Abdel Kareem Hana, AP

Damals prahlte Israel mit den Bedingungen seiner Haft. Heute rühmt sich die Regierung des Sadismus, des Missbrauchs und der Folter. Sie tut dies, weil sie die Seelen ihrer Bürger kennt. Die Mehrheit der Israelis ist rachsüchtig und billigt den Missbrauch.

Mit Ausnahme von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, B’Tselem und dem Komitee gegen Folter hat sich kaum jemand gegen das, was geschah, ausgesprochen. Für Nukhba-Terroristen ist alles erlaubt.

Die Definition dessen, wer dazugehört, umfasst alle, die es wagten, am 7. Oktober nach Israel einzudringen. Der Journalist Ben Caspit sagte diese Woche, alle Nukhba-Kämpfer sollten hingerichtet werden. Es scheint, dass Schin Bet, der israelische Gefängnisdienst und die israelischen Verteidigungsstreitkräfte die Arbeit bereits ernsthaft begonnen haben.

Israels einzige Sorge gilt dem Schaden, der den Entführten  zugefügt wurde. Alles andere wird vergeben. In vielen Fällen freuen wir uns sogar, schätzen und befürworten den Missbrauch. Wir wollten Sadismus; wir bekamen Sadismus.

30/09/2025

BAHMAN KALBASI
In seinen Erklärungen vertritt das US-Außenministerium die Einstellungen Israels
Interview mit Shahid Qureshi, der wegen Nichterfüllung entlassen wurde

Bahman Kalbasi, BBC Persian, 17.9.2025

Bahman Kalbasi ist Korrespondent der BBC Persian bei den Vereinten Nationen in New York.

Übersetzt von Tlaxcala

 

Shahid Qureshi arbeitete im Büro für globale öffentliche Angelegenheiten des US-Außenministeriums (State Department) und wurde kürzlich von seinem Posten entlassen. In einem Sonderinterview mit Bahman Kalbasi erklärt Herr Qureshi: Die Beileidsbekundungen gegenüber den Familien der palästinensischen Journalisten, die von der israelischen Armee in Gaza getötet wurden, und die Betonung der Ablehnung der ethnischen Säuberungen in Gaza durch die USA seien Positionen gewesen, die er gemäß dem üblichen Verfahren in die Erklärungen des Außenministeriums aufnehmen wollte, und deshalb sei er entlassen worden. In seinem ersten Interview mit einem persischsprachigen Medienunternehmen nach seiner Entlassung aus dem US-Außenministerium spricht Herr Qureshi über die Geschehnisse und seine Erfahrungen unter verschiedenen US-Verwaltungen.

Bahman Kalbasi: In den Monaten nach Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat der Druck auf eine Reihe von Aktivisten und Studenten, die sich gegen Israels Krieg in Gaza aussprechen, zugenommen; von den Bemühungen der Regierung, einige, die keine US-Bürger waren, auszuweisen, bis hin zur Entlassung anderer aus ihren Jobs. Shahid Qureshi arbeitete in der PR-Abteilung des US-Außenministeriums und wurde kürzlich aus seinem Job entlassen. Er hatte versucht, gemäß dem üblichen Verfahren Beileidsbekundungen für die Familien palästinensischer Journalisten, die vom israelischen Militär getötet wurden, und die Ablehnung der ethnischen Säuberung in Gaza in die Erklärungen des Außenministeriums aufzunehmen. Er sagt, genau deshalb sei er entlassen worden. Dies ist sein erstes Interview mit einem persischsprachigen Medienunternehmen seit seiner Entlassung aus dem US-Außenministerium, in dem er über seine Erfahrungen in der vorherigen und der aktuellen Verwaltung sowie über die Geschehnisse spricht.

Ich bin Bamdad Kelbasi und spreche in einem „Special Dialogue“ mit diesem ehemaligen Mitarbeiter des Außenministeriums.

Shahid Qureshi, vielen Dank für die Gelegenheit, die Sie BBC Persian bieten. Bevor wir zum Kern der Sache kommen, könnten Sie ein wenig über sich selbst sprechen? Wo sind Sie geboren? Wo sind Sie aufgewachsen?

Shahid Qureshi:  Ja, ich wurde 1991 in Seattle geboren. Ich studierte Internationale Beziehungen an der University of Washington. Meine Eltern stammen aus der Stadt Saveh im Iran und kamen um die Zeit der Revolution nach Amerika. Nach meinem Bachelor-Abschluss ging ich nach Washington D.C. und machte meinen Master im selben Fach, Internationale Beziehungen.

Bahman Kalbasi: Wie sind Sie zum US-Außenministerium gekommen?

Shahid Qureshi:  Schon in jungen Jahren, und nach dem Einmarsch der USA in den Irak, wurde ich sensibel für die endlosen Kriege, in die die USA verwickelt waren. Ich hatte das Gefühl, dass das Bild des Irak, das sich in der amerikanischen öffentlichen Meinung vor der Invasion gebildet hatte, dazu beitrug, diese Operation zu rechtfertigen. Wenn wir zum Familienbesuch in den Iran reisten und nach Amerika zurückkehrten, beunruhigte mich die ähnliche negative Darstellung, die über den Iran geformt wurde, und dass sich das, was im Irak passiert war, auch für den Iran wiederholen könnte. Deshalb engagierte ich mich sehr in zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für ein Ende der Kriege im Irak und in Afghanistan und die Verhinderung einer Wiederholung im Iran einsetzten. Gleichzeitig reizte mich die Arbeit im Außenministerium als Diplomat, sowohl um die Kräfte zu verstehen, die ein Land in den Krieg treiben, als auch um diplomatische Wege zur Beilegung von Streitigkeiten anstelle von Krieg zu finden. Ich bin sehr froh, dass ich eine Weile dort arbeiten konnte.

Bahman Kalbasi: Als Sie zum US-Außenministerium kamen, was genau waren Ihre Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit? Was waren Ihre Pflichten?