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22/06/2026

Mit 250.000 Stimmen Unterschied: Abelardo besiegt Iván Cepeda in Kolumbien

Das Ergebnis fiel wie ein Hammerschlag: Der reaktionäre Kandidat Abelardo de la Espriella besiegte am Sonntag den linken Kandidaten Iván Cepeda mit weniger als 1 % Unterschied (12.959.542 Stimmen gegenüber 12.708.712). Nachfolgend eine erste Analyse der Ergebnisse. –FG, Tlaxcala

Die Wahllandschaft: Zwei Kolumbien stehen sich gegenüber

Die konservativen Hochburgen des Zentrums und der Anden

Abelardo de la Espriella baute seinen Sieg auf einer klar identifizierten territorialen Basis auf: den Departamentos des Landesinneren, den Andenregionen und einem Teil der östlichen Ebenen. Antioquia bildet das Herz seiner Wählerschaft mit 2,18 Millionen Stimmen (64,42 %), also mehr als einer Million Stimmen Vorsprung auf seinen Gegner. Die Dominanz dort ist erdrutschartig, ebenso wie in Norte de Santander (76,56 %) und Santander (64,58 %).

Der Kandidat gewinnt auch in der gesamten Kaffeeachse (Caldas, Quindío, Risaralda), in Tolima, Huila, Boyacá und Cundinamarca. Diese Departamentos, die einen bedeutenden Teil der Bevölkerung und des nationalen BIP konzentrieren, lieferten die notwendigen Margen für seinen Sieg bei der landesweiten Auszählung. Cundinamarca und Antioquia gehören zu den bevölkerungsreichsten Departamentos, was den endgültigen Sieg von De la Espriella trotz seiner Niederlage in einer größeren Anzahl von Departamentos teilweise erklärt.

Die progressiven Hochburgen: Karibik, Pazifik und Süden

Iván Cepeda wiederum gewinnt 19 Departamentos (einschließlich Bogotá) gegenüber 13 für seinen Gegner, jedoch oft mit geringerer Bevölkerungsdichte. Seine stärksten Bastionen befinden sich in den peripheren Regionen:

  • Der kolumbianische Pazifik: Chocó (81,37 %), Cauca (75,64 %), Nariño (76,72 %), Valle del Cauca (60,82 %).
  • Der amazonische Süden: Putumayo (78,52 %), Vaupés (80,86 %), Amazonas (61,89 %).
  • Die Karibikregion: Bolívar (59,51 %), Córdoba (58,28 %), Atlántico (58,61 %), La Guajira (60,45 %), Sucre (59,19 %), Magdalena (57,02 %).
  • Bogotá D.C.: die Hauptstadt mit ihren 2,23 Millionen Stimmen (52,47 %) stellt eine bedeutende urbane Hochburg für Cepeda dar.

Das Valle del Cauca bietet einen besonders anschaulichen Fall: Cepeda erhält dort 1,4 Millionen Stimmen, also einen Vorsprung von 534.083 Stimmen gegenüber De la Espriella, was bestätigt, dass dieses Departamento eine der wichtigsten Hochburgen der Linken in Kolumbien ist.

Das Wahlergebnis im Botero-Stil

Soziologische Analyse der Spaltungen

Eine Zentrum-Peripherie-Spaltung

Die Wahlkarte zeichnet eine große geografische Spaltung zwischen:

  1. Den zentralen und andinen Departamentos: wirtschaftlich weiter entwickelt, Heimat traditioneller Eliten und Industriezentren (Medellín, Bucaramanga), sie stimmten für den konservativen Kandidaten.
  2. Den Peripherien: Küstenregionen (Karibik, Pazifik) und Grenzgebiete, historisch marginalisiert, unterstützten massiv den Kandidaten des Wandels.

Dieser Gegensatz ist nicht neu in Kolumbien: Er verweist auf die historische Unterscheidung zwischen "konservativen" Andenregionen und "liberalen" Küstenregionen, die das zeitgenössische politische System wiederbelebt hat.

Die ethnische und rassifizierte Dimension

Die Departamentos mit einem hohen Anteil an afro-kolumbianischer und indigener Bevölkerung sprachen sich mit großer Mehrheit für Iván Cepeda aus. Dies zeigt sich besonders deutlich in Chocó (81,37 %), Cauca (75,64 %) und Nariño (76,72 %), Regionen, in denen die schwarzen und indigenen Gemeinschaften historisch für soziale Gerechtigkeit und Anerkennung mobilisiert sind. Die Präsenz von Aida Quilcué, einer indigenen Persönlichkeit, als Cepedas Vizepräsidentschaftskandidatin hat diese Unterstützung zweifellos verstärkt.

Eine geteilte städtische Abstimmung

Die Abstimmung in den Großstädten ist gemischter, als es scheint. Bogotá unterstützt Cepeda, jedoch mit einem relativ bescheidenen Vorsprung (52,47 %). Das Valle del Cauca stimmt für Cepeda, aber Medellín, die zweitgrößte Stadt des Landes, ist eine Hochburg von De la Espriella. Die Ergebnisse bestätigen eine urbane Fraktur, bei der die großen Metropolen der Andenregionen nach rechts tendieren, während die der Peripherien (Cali, Barranquilla, Cartagena) nach links tendieren.

Knappe Margen in entscheidenden Departamentos

Einige Departamentos waren stark umkämpft, was eine tief gespaltene kolumbianische Gesellschaft widerspiegelt:

  • Caquetá: Cepeda gewinnt knapp mit 48,97 % gegenüber 48,7 %.
  • Guaviare: De la Espriella gewinnt mit 52,78 %.
  • Vichada: Cepeda setzt sich mit 54,43 % durch.

Diese Ergebnisse belegen das Fehlen einer homogenen ideologischen Hochburg in den Gebieten der jüngeren Besiedlung und den Grenzregionen.

Die Auslandsstimme

Ein bemerkenswerter Punkt: De la Espriella gewinnt mit großem Abstand unter den Kolumbianern im Ausland (63,76 %) mit 382.000 Stimmen gegenüber 208.000 für Cepeda. Diese Stimme der Diaspora, die oft aus expatriierten Mittel- und Oberschichten besteht, trug wesentlich zu seinem Sieg bei.

Fazit: Ein geografisch zerrüttetes Kolumbien

Die Stichwahl 2026 bestätigt die Wahlgeografie Kolumbiens als einen Raum von Spannungen zwischen zwei Visionen des Landes. Der konservative Kandidat De la Espriella wusste die traditionellen Hochburgen des Zentrums und der Anden für sich zu nutzen, während Cepeda ein Archipel von Peripherien versammelte: Pazifik, Karibik, Amazonas und die Hauptstadt.

Diese Konfiguration erinnert daran, dass die kolumbianische politische Spaltung nach wie vor stark territorialisiert ist, wobei jede Region unterschiedliche soziale, wirtschaftliche und identitäre Erwartungen äußert. Der knappe Sieg von De la Espriella (weniger als 250.000 Stimmen Unterschied) bedeutet, dass er ein Land regieren muss, dessen geografische Hälfte ihm kein Vertrauen geschenkt hat.

 

02/11/2021

CHRISTOPHE KOESSLER
Nach dem verdächtigen Tod von Alfredo Camelo: kolumbianische Flüchtlinge in der Schweiz werden von Paramilitärs bedroht

 Wir veröffentlichen die Übersetzung dieser zwei Artikel aus der Genfer Tageszeitung Le Courrier, die bei allen kolumbianischen Flüchtlingen in Europa und anderswo sowie bei allen Personen, die die Rechte der Völker und der Menschen verteidigen, Besorgnis erregen sollten.-Tlaxcala

Bedrohung für KolumbianerInnen in der Schweiz

 Christophe Koessler, Le Courrier, 27-10-2021
Übersetzt von Alexia Ertl-Bunke, Tlaxcala

Christophe Koessler ist Journalist bei der Schweizer Tageszeitung Le Courrier. @ChrisKoessler

Der Genfer Aktivist Alfredo Camelo, der im September tot aufgefunden wurde, soll mit einer Schusswaffe erschossen worden sein. Diese Informationen sind mit Vorsicht zu genießen, aber sie sind Teil einer wachsenden Bedrohung für kolumbianische AktivistInnen.

Im Mai 2021 riefen die Demonstranten die Vereinten Nationen und die Schweizer Behörden auf, von Bogotá die Achtung des menschlichen Lebens und des Demonstrationsrechts zu fordern. Foto Alle Rechte vorbehalten

Am Sonntagmorgen fand ein bekannter schweizerisch-kolumbianischer Aktivist in Genf auf der Felge seines Autos die Aufschrift „AUC“, für Autodefensas unidas de Colombia (Vereinigte Bürgerwehren Kolumbiens), den Namen der rechtsextremen paramilitärischen Miliz. In Kolumbien kommt die Inschrift einer Todesdrohung gleich. Bei näherer Betrachtung stellt der Menschenrechtsverteidiger in Begleitung eines Polizeibeamten fest, dass sein Reifen durch eine Lochung beschädigt wurde, die dazu führen könnte, dass er platzt, wenn das Fahrzeug mit voller Geschwindigkeit losfährt - diese Hypothese wird dem Aktivisten zufolge von dem Polizeibeamten erwähnt. „Für mich ist das ein Anschlag auf mein Leben und das meiner Familie“, sagte der Aktivist, der gestern Anzeige erstattete.

Der Fall hat einen besonderen Nachhall, da Le Courrier fast zur gleichen Zeit eine weitere Information erhielt, die noch überprüft werden muss. Der kolumbianische Aktivist Alfredo Camelo, dessen Leiche Anfang September am Ufer der Rhône gefunden wurde, war angeblich mit einer Schusswaffe erschossen worden. Wir haben dies von einer Polizeiquelle erfahren, die sich wahrscheinlich versehentlich einer der Redaktion bekannten Person anvertraut hat.

Gerücht oder Information? Zum jetzigen Zeitpunkt steht fest, dass mehr als anderthalb Monate nach den Ereignissen die Ermittlungen zu den Umständen seines Todes, mit denen die Genfer Staatsanwaltschaft betraut ist, noch nicht abgeschlossen sind. Wenn es ein Selbstmord war, warum braucht die Justiz dann so lange, um diese Theorie zu bestätigen, fragen die Angehörigen?

Auf Anfrage von Le Courrier antwortete die Staatsanwaltschaft, die als einzige befugt ist, sich zu diesem Fall zu äußern, dass sie „angesichts der laufenden Ermittlungen, die darauf abzielen, die Umstände und Ursachen des Todes zu ermitteln, keine Informationen weitergibt“.

Paramilitärs in der Schweiz?

Das beruhigt weder die GenossInnen und FreundInnen von Alfredo Camelo noch erst recht nicht die kolumbianischen Aktivisten, die in der Schweiz zahlreich sind. Am 27. September reichte Nationalrätin Stéfanie Prezioso (Grüne Fraktion/Ensemble à gauche) eine Anfrage an den Bundesrat ein, in der sie ihre Sorge um die Sicherheit der politischen Flüchtlinge in unserem Land nach dem Tod des Aktivisten zum Ausdruck brachte.

In ihrer Antwort erklärte die Schweizer Regierung, sie sei über den Fall Camelo nicht informiert worden. Ganz allgemein, ohne sich zur Sicherheit der kolumbianischen Exilanten zu äussern, antwortete sie summarisch: „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich Personen, die den kolumbianischen Paramilitärs nahe stehen, in der Schweiz aufhalten“.

In den letzten Wochen haben andere Ereignisse diese Hypothese bestätigt. Letzten Donnerstag wurde ein Zoom-Treffen von Mitgliedern der Partei Colombia Humana in der Schweiz von einem Mann geknackt, der die Teilnehmer und ihre Familien mit dem Tod bedrohte und sich dabei der mafiösen und unverschämten Sprache der Paramilitärs bediente.