13/03/2026

Normalisiertes Trauma, traumatisierte Normalität: die Palästinaausstellung „Kalanlar Filistin“ in Istanbul

Am 30. März 2026 schließt die Solidaritätsausstellung „Kalanlar Filistin“ [Was von Palästina übrigbleibt] nach drei Monaten in Istanbul Harbiye ihre Tore. Milena Rampoldi von ProMosaik hat diese Ausstellung für uns besucht und berichtet von ihren Eindrücken.

 Milena Rampoldi, 14.3.2026

Auf den ersten Blick würde man diese Ausstellung des türkischen Kulturvereins Kalyon Kültür als die Erzählung der zionistischen Zerstörung des palästinensischen Lebens (Familie, Schule, Kindheit, Kultur) und somit als materielle Präsentation des zionistischen Völkermordes betrachten. Aber was hier wirklich zählt, wenn man sich mitten in der Ausstellung befindet und sie miterlebt, ist nicht die brutale Zerstörung, die man an der Oberfläche wahrnimmt, sondern das, was „übrig“ bleibt und nach der Zerstörung weiterlebt.



Es geht um all das, was der Zionismus nicht treffen kann, und zwar um die Seele, den Widerstand und die Menschlichkeit. In der Tat lautet der Titel dieser innovativen Ausstellung, die irgendwie die klassische Museumspädagogik und ihre dialektischen Paradigmen völlig auf den Kopf stellt, in deutscher Übersetzung „Überreste von Palästina“.

Was nach den Bombenanschlägen und Luftangriffen des israelischen Militärs, des Symbols und Wesens des Neukolonialismus im Nahen Osten, bleibt und noch steht, sind menschliche Würde, der Geist des Widerstands und die palästinensische Menschlichkeit eines unterdrückten Volkes, das aber keinesfalls das Opfer dieser Zerstörung ist.



Der Zuschauer tritt in einen empathischen Dialog mit der Kriegsrealität Palästinas, die in den Räumlichkeiten der Ausstellung „nachgebaut“ wird. Der Zuschauer verliert jegliche Distanz, seine Empathie ist das Ergebnis der Aufhebung jeglicher Dialektik zwischen seinem sicheren und stabilen Dasein im Harbiye-Viertel von Istanbul und dem Völkermord von Gaza. Er ist aber nicht da, um Palästina als Objekt im Sinne Edward Saids wahrzunehmen und als Gutmensch zu bemitleiden, sondern um als Zeuge für Palästina aufzutreten und die Ausstellung als Zeuge zu verlassen.

Wie die Zeugenaussage im Koran, so ist auch das Zeugnis eines geschichtlichen Ereignisses kein Recht, sondern eine Verpflichtung. Und diese Verpflichtung führt zu einer ethischen Verantwortung. Der Zuschauer interagiert mit der Zerstörung und kommt aus seiner Verantwortungsnummer nicht mehr heraus. Denn die Verpflichtung, sich für Palästina einzusetzen, ist keine Wahl eines sonnigen Tages in Harbiye, sondern die ethische Verpflichtung eines Lebens als ethisch denkender, bezeugender und handelnder Mensch. Wie es auf der Webseite der Ausstellung so schön heißt:

„Diese Ausstellung ist kein Besuch; sie ist eine Haltung.“

Was nach der zionistischen Zerstörung übrigbleibt, ist das ontologische „Überbleibsel“, der Rest, der sich der ontologischen Brutalität widersetzt.

„Zerstörung ist hier kein Augenblick, sondern eine Struktur, die Kontinuität erlangt hat; Trauma ist die neue Form des Alltags.“

Das Trauma wird in Palästina zur Normalität. Das palästinensische Leben in Gaza ist das Überbleibsel dieser traumatisierten Normalität. Das Trauma ist aber nun auch ein Alltagsaspekt des Zuschauers, der sich in einen verantwortungsbewussten Mitwisser/Zeugen fürs Leben verwandelt hat.

„Die Betrachter sind nicht zu emotionaler Erleichterung, sondern zu einer ethischen Auseinandersetzung eingeladen. Hier wird nicht Mitgefühl, sondern Zeugnis erwartet. Denn Zeugnis schafft Verantwortung.“

Es geht nicht um die Katharsis des Zuschauers, wie bei einer griechischen Tragödie, sondern um das unbequeme Wissen um den zionistischen Völkermord in Gaza.

Was zurückbleibt, sind schweigende Menschen und stille Objekte, die als Zeugen der Zerstörung unbeweglich an ihrer Stelle bleiben. Dies sieht man im Besondern in den Räumen, in denen die Küche, die Schulklasse und das palästinensische Heim nach den israelischen Bombenanschlägen gezeigt werden. Die materiellen Überbleibsel, ein Stück Mauer, ein leerer Topf, eine Schulbank, eine Tafel…, schweigen.



Die ersten Opfer sind immer die Kinder. Denn der zionistische Völkermord ist vor allem ein Kindervölkermord. Daher ist auch die Figur von Hanzala zentral in dieser Ausstellung.

Hanzala ist die berühmte Cartoonfigur des palästinensischen Zeichners Nadschi al-Ali aus dem Jahre 1969, die sehr starke autobiografische Züge aufweist. Die ermordeten Kinder von Gaza und die Kinder, die wie der Karikaturist selbst, zu überlebenden Flüchtlingen wurden, sind das Symbol des Zeugnisses, das bleibt und der brutalen Zerstörung trotzt.

„Was hier zu sehen ist, ist kein Verlust, sondern unwiederbringliche Zeit.“

„Der Stacheldraht im Zentrum der Installation verwandelt die Grenze von einer geografischen Linie in eine dauerhafte, in Körper und Erinnerung eingeprägte Erfahrung. Diese Installation ist nicht als ästhetische Komposition konzipiert; sie will den Betrachter unmittelbar die Unterbrechung zwischen Heute und Gestern und deren ethische Tragweite spüren lassen. Das Werk ruft zum Beobachten auf, nicht zum Mitleid.“

Das Trauma ist, wie bereits erwähnt, die Normalität. Der Krieg ist die Kontinuität und das Labyrinth der Ausstellung ist die konstante Realität. Der Zuschauer geht in das Labyrinth. Er bleibt dort freiwillig gefangen und erlebt die Dunkelheit der Gefangenheit akustisch als eine permanente Erfahrung. Die Kinder lehren akustisch und visuell den Krieg. Die Schreie der Kinder prägen sich im Kopf und in der Seele des Zeugenzuschauers ein. Gleichzeitig beleuchtet die Führung der Ausstellung die verschiedenen Sätze auf den grauen Wänden des Labyrinths. Gewalt und Brutalität werden zum Alltag und sind keine Ausnahmen. Aus diesem Labyrinth flieht man nicht, man bleibt, hört zu und lernt schmerzvoll den Widerstand, der dann als Echo bleibt, nachdem man die Ausstellung verlassen hat.

Wenn die Bomben schlafen, können auch wir schlafen

Gibt es im Paradies Schokolade?

Allah ist mit uns

„Was hier geschieht, ist keine Abweichung, sondern die Ordnung selbst.“

Der Zuschauer kommt aus der Nummer nicht mehr raus. Das ist kein Fluchtraum, das ist sein Zeugnis von Palästina, der zionistischen Kolonie des Nahen Ostens der Kinder wie Hanzala.



Der andere Raum, in dem die Namen der Märtyrer gelesen werden, erfüllt dieselbe Funktion. Auch hier flieht der Zeuge nicht, sondern bleibt. Die Dialektik zwischen Zeugnis und Zeuge wird aufgehoben. Wir befinden uns im post-dialektischen Raum der Antwort der Palästinenser auf den zionistischen Staat und seine überholte Dialektik.

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